Zürich regional

«Unsere Rechtsgemeinschaft wurzelt in der Westkirche»

Nach 30 Jahren als Professor für Staatskirchenrecht und Kirchenrecht tritt Adrian Loretan in den Ruhestand.

«Herr Loretan, können Sie in einem Satz zusammenfassen, was alle Menschen aus Ihrer Forschung verstehen sollten?» Der Professor lacht herzlich. Die Antwort scheint ihm aber leichtzufallen: «Der Westen als Rechtsgemeinschaft wurzelt in der Westkirche.» Diese These besagt: Was wir hier im sogenannten Westen leben an demokratischer Rechtsstaatlichkeit, an Grund- und Menschenrechten, geht zurück auf christliche Denker und Rechtswissenschaftler des Mittelalters und der Neuzeit. Kann das tatsächlich sein? Adrian Loretan argumentiert und untermauert das auf fast 600 Seiten in seinem jüngsten Werk «Der demokratische Rechtsstaat – eine Ideengeschichte». Diese Erinnerung an die Wurzeln könnte uns weiterbringen, in einer Zeit, in der die Demokratie stark unter Druck steht: «Christinnen und Christen müssten sich der Tradition bewusst werden, in der sie stehen, und für sie eintreten», ist Loretan überzeugt. Er fragt sich dabei einerseits, wie es mit dem modernen Rechtsstaat weitergehen soll, wenn er doch auf dem Denken der jüdisch-christlichen Tradition basiert, und ebendiese Tradition an Bedeutung verliert. Andererseits wünscht er sich gerade von der römisch-katholischen Kirche, dass sie ihre demokratische Tradition nicht länger verdrängt. Papst Franziskus habe beispielsweise mit der Kurienreform nun auch Frauen Leitungspositionen eröffnet.

Adrian Loretan hat Forschung gefördert, die sich im Spannungsfeld von Gerechtigkeit und Recht bewegt. Etwa in der Frage, wie Frauenrechte auf der Basis des Kirchenrechts innerhalb der römisch-katholischen Kirche entwickelt werden können. Oder wie für eine transparente Aufarbeitung der Missbrauchsfälle kirchen- und staatskirchenrechtlich argumentiert werden sollte. Er war und ist darin gesuchter Ratgeber, innerhalb wie ausserhalb der katholischen Kirche. Es verwundert nicht, dass er sich als «Gerechtigkeitssucher» bezeichnet. Ihren Ursprung, erzählt Loretan, hat diese Suche in seiner Jugend, an einem konkreten Ort: im Weltladen in Brig. «Nahe dem Ort, an dem ich aufwuchs, wurde gerade dieser Laden gegründet. Ich nahm dort an Diskussionen teil und begann mich zu engagieren.» Innerhalb der Familie betrat der Junge mit diesem Engagement Neuland. Sein Forschergeist war geweckt. 

Über sein jüngstes Werk diskutiert Adrian Loretan mit Staatsrechtler Andreas Kley.
Moderation: Francesco Papagni.
Mittwoch, 25. März, 19.00 Uhr,
Jesuitenbibliothek.
Eintritt frei.