Nur wenige Menschen können von sich behaupten, die Bibel von vorne bis hinten gelesen zu haben. Rufus Beck hat sie nicht bloss vollständig gelesen, er hat sie einstudiert: 2019 ist seine komplette Lesung der Bibel als Hörbuch erschienen. Zuvor war der Schauspieler mit seinen Lesungen der Harry-Potter-Reihe zum Star geworden. In seiner Interpretation wurden aus der Fantasyreihe kongeniale «Einmann-Hörspiele», in denen er jeder Figur ihre eigene Stimme gab. Wenn dieser Rufus Beck die Bibel liest, wird dann daraus ein Fantasy-Epos? Ein «Herr der Ringe» für Gläubige? – So viel sei vorweggenommen: Gar nicht! Rufus Beck liest die Bibel ganz anders als Harry Potter.
Wir treffen Beck in München und reden mit ihm über seine Lesung der Bibel. Obwohl diese Arbeit bereits mehr als sechs Jahre zurückliegt, beschreibt er anschaulich und engagiert, wie er als Erzähler die Bibel interpretiert hat. Und wie er als Nichtchrist auf das «Buch der Bücher» reagiert.
Rufus Beck, Sie haben die Bibel ungekürzt als Hörbuch eingelesen: 98 Stunden auf 86 CDs. Wie haben Sie sich dieser monumentalen Aufgabe genähert?
Ich komme aus einem ganz und gar atheistischen Haus. Deshalb war ich zunächst vor allem neugierig: Was steht da drin? – Ich kannte zwar ein paar Geschichten aus dem Alten Testament, so wie man griechische Mythologie kennt. Und natürlich war mir auch einiges aus dem Neuen Testament vertraut, vor allem die Weihnachtsgeschichte, weil ich die selbst als nicht gläubiger Mensch mitbekommen habe.
Was hat Sie als Nichtgläubiger an dieser Aufgabe gereizt?
Die Gelegenheit, alles zu lesen: Wort für Wort. Ich wollte dabei aber auf keinen Fall wie in einer Kirche klingen. Das hat meist etwas Narkotisierendes, so dass wir gar nicht mehr wirklich hinhören. Ich wollte es aber schaffen, dass die Erzählung verständlich ankommt, dass die Hörer ihr möglichst leicht folgen können.
Ihre Harry-Potter-Hörbücher sind unter anderem deshalb so legendär, weil Sie jeder Figur eine eigene Stimme geben. Ihre Bibellesung klingt jedoch ganz anders.
Die Bibelgesellschaft ist zwar wegen des irrsinnigen Erfolgs meiner Harry-Potter-Hörbücher auf mich zugekommen. Aber eins war mir sofort klar: Ich werde niemals versuchen, aus der Bibel ein Hörspiel zu machen. Ich wollte unter keinen Umständen an der einen Stelle den mächtigen Gott spielen, dort den klugen Jesus und dann wieder die etwas unbedarften Apostel.
Was war Ihnen bei der Gestaltung der Texte wichtig?
Ich wollte bei den Zuhörern nichts voraussetzen und mich nicht an Gläubige richten, die eh schon alle Geschichten kennen. Die Bücher der Bibel sollten als Erzählungen wahrgenommen werden, die wir noch nie zuvor gehört haben. Ich wollte sie so lesen, als hätte ich sie gerade entdeckt. Und tatsächlich waren für mich ja die meisten Geschichten völlig neu.
Die Bibel, gelesen von Rufus Beck
Mit Rufus Beck in die Bibel einzutauchen, entwickelt einen erstaunlichen Sog – ohne jede Effekthascherei. Das Hörbuch gibt es auf 86 CDs, 9 MP3-CDs und als Stream bei Audible und Spotify.
— Lutherübersetzung 2017 mit Apokryphen
Vollständige Lesung von Rufus Beck
Deutsche Bibelgesellschaft 2019
Hatte es Vorzüge, sich als nicht gläubiger Mensch der Bibel zu nähern?
Es war ein grosser Vorteil, dass ich mit den Texten weder als Gläubiger noch als Theologe vertraut war. In der griechischen Mythologie kenne ich mich viel besser aus als in der – ich sage das ganz bewusst – christlichen Mythologie. Für mich geht es in der Bibel um Menschheitsgeschichten, aber nicht um Geschichten, die auch so geschehen sind. Ich wollte ihren Inhalt und nicht ihre Botschaft vermitteln.
Welche Entdeckungen haben Sie dabei gemacht?
Wie radikal die Bergpredigt ist. Als nicht gläubiger Mensch habe ich mich irgendwann sogar gefragt: Weshalb müssen Christen eigentlich das Alte Testament lesen? Jesus erscheint mir als Revoluzzer, der über alles hinweggegangen ist, was das Judentum vorgibt.
Anders als Harry Potter hat die Bibel kein Gesamtkonzept und ganz verschiedene Autoren. Welche Auswirkungen hatte das auf Ihre Interpretation?
Die Bibel ist eine Anthologie mit vielen, sehr unterschiedlichen Büchern. Ich fand diese vielen Stilformen, Tempi und Nuancen sehr interessant. Das Hohelied der Liebe beispielsweise von Salomon: Ein Gedicht, das mich als Erzähler besonders herausfordert, weil nicht immer klar ist, wer da gerade spricht. Ist es Er oder Sie? Und wer ist Er, wer ist Sie? Das zu interpretieren, hat viel Spass gemacht. Oder dann die Offenbarung des Johannes. In dieser Apokalypse, die da beschrieben wird, habe ich Edgar Allan Poe entdeckt.
Haben Sie die Bücher der Bibel chronologisch eingelesen?
Grösstenteils ja. Wir hatten für die Aufnahmen ein kleines Studio gebaut. Weil ich damals gerade auf Tournee war, konnte ich immer nur an meinen freien Tagen aufnehmen. Ich fing bei der Genesis an, dem ersten Buch des Alten Testaments, und habe ein Buch nach dem anderen gelesen.
Sie waren gleichzeitig Erzähler und Hörer?
Ja, ich habe mir selbst vorgelesen – und meinem Tontechniker.
Ich habe selbst schon versucht, die Bibel von vorne bis hinten zu lesen, bin aber spätestens an der Langatmigkeit der Chronikbücher und den Büchern der Könige gescheitert. Mussten Sie sich auch durchkämpfen?
Es gibt Abschnitte, die unglaublich langweilig sind. Der Bau der Bundeslade beispielsweise, der liest sich wie eine Ikea-Anleitung. Ich verstehe, dass das für Theologen spannend sein kann, als Erzählung ist es jedoch einfach nur mühsam. Oder all diese Stammbäume, die über Seiten hinweg auflisten, wer wen gezeugt hat. Das war anstrengend zu lesen. Aber es war selbstverständlich meine Aufgabe, weder meine Müdigkeit noch meine Zweifel auszudrücken. Ich versuchte in gewisser Weise wirklich, «His Master’s Voice» zu sein.
Und Geschichten, die Sie vor den Kopf gestossen haben?
Es gab viele Momente, in denen ich dachte: «Wie schrecklich ist dieses Alte Testament!» Am Anfang war ich noch sehr produktiv und auch sehr neugierig. Aber dann tauchten in mir doch sehr viele Fragezeichen auf zu diesem auserwählten Volk und seinem monolithischen Gott. Was für eine Hassliebe, in der links und rechts alles kurz und klein geschlagen wird! Und wehe, das auserwählte Volk kommt vom Weg ab: Sofort wird es elendig bestraft. Zwischendurch musste ich an religiöse und politische Fanatiker wie die Taliban denken. Und weil ich kein Christ bin, war ich geschockt. Was für ein irrsinniger Gott ist das, der beispielsweise im 2. Buch Samuel einen Menschen tötet, nur weil dieser ausgleitet und versehentlich die Bundeslade berührt. Ein Unschuldiger muss sterben, weil es die Regel gibt, dass die Bundeslade ausschliesslich von Priestern berührt werden darf. Was für eine Willkür!
Solche Geschichten gibt es im Alten Testament aber nicht wenige.
Irgendwann habe ich mich nach fast jeder Aufnahme-Session über diesen Gott geärgert. Natürlich sind es faszinierende Geschichten, aber oft auch sehr willkürliche. Zum Beispiel diese merkwürdige Erzählung von Lot, der mit seiner Frau und den beiden Töchtern aus dem untergehenden Sodom und Gomorrha flieht. Seine Frau, die übrigens ohne Namen bleibt, dreht sich noch einmal um und erstarrt sogleich zur Salzsäule. Da frage ich mich unweigerlich: Weshalb darf sie sich nicht umschauen? Was rechtfertigt diese brutale Strafe? Und damit ist es mit dem Wahnsinn ja noch nicht zu Ende: Nach der erfolgreichen Flucht machen die beiden Töchter den Vater betrunken, damit sie mit ihm schlafen und Nachwuchs zeugen können. – All das musste ich als «His Master’s Voice» Wort für Wort nehmen. Und alles, was für mich als Hörer unverständlich blieb, durfte ich als Erzähler nicht ironisieren oder relativieren.
Das Alte Testament ist lang …
… und ich dachte immer häufiger: Hoffentlich ist dieser Wahnsinn bald vorbei. Wann komme ich endlich zum Neuen Testament?
Und wie war es dann, als Jesus in der Erzählung auftauchte?
Es war eine Erleichterung. Aber auch wieder etwas enttäuschend, weil ich erwartet hatte, nun die Biographie von Jesus kennenzulernen. Wie wurde er zu dem, den wir heute kennen? Das war den Christen aber damals offenbar gar nicht wichtig, denn die Erzählung von Jesus hat riesige Lücken. Wichtig war offenbar nicht sein Leben, sondern seine Botschaft. Er predigt, wirkt Wunder, sammelt seine Jünger um sich, zieht in Jerusalem ein, stirbt und aufersteht. Von seiner Jugend erfahren wir praktisch nichts, alles geht sehr schnell, kaum etwas wird detailliert beschrieben.
Dann waren die 98 Stunden eingelesen und als Aufnahme bei den Hörerinnen und Hörern. Welche Reaktionen haben Sie erhalten?
Gar keine.
Haben Sie Live-Lesungen gemacht?
Ich verspüre weder den Drang noch den Ehrgeiz zu Bibellesungen. Nach Abschluss des Projekts dachte ich: «Hier, das habe ich gemacht. Damit könnt ihr tun und lassen, was ihr wollt.» Ich hoffe, ich habe die Bibel so neutral wie möglich und gleichzeitig so interessant wie möglich erzählt. So dass alle Hörerinnen und jeder Hörer den Erzählungen unmittelbar folgen kann.
Hat Vorlesen eine soziale Funktion?
Es gibt dieses Vorlesen, bei dem ich sofort an Kinder denke. Da geht es nicht um Professionalität der Interpretation, sondern um Nähe, um das gemeinsame Erleben des Augenblicks. Vielleicht gruseln sich Kinder an einer Stelle, aber da sind ja die Mama oder der Papa, die sie beschützen. – Sollen wir aufhören? – Soll ich weiterlesen? – Hier entsteht Gemeinschaft.
Das unterscheidet sich offenbar von Ihrem Auftrag als Gestalter eines Hörbuchs?
Meine Arbeit ist nicht mit einer landläufigen Vorstellung von Vorlesen zu vergleichen. Wenn ich ein Buch einlese, muss ich Erzähler sein. Erzählen bedeutet: Ich war dabei. Ich weiss, was geschehen ist. Und jetzt erzähle ich dir davon. Und zwar so, dass in dir Bilder entstehen.
Und wie geht das?
Das wäre Stoff für ein weiteres Gespräch. Es ist vergleichbar mit Musik machen: Wo sind die Pausen? Die Fermaten? Welches Tempo wähle ich? Wie taucht eine Figur auf? Entwickle ich ein Thema zu einer Fuge? Das alles muss ich mir überlegen. Und dann erzähle ich es. Genau wie in der Musik ist meine Erzählung eine Interpretation unter unzähligen. Niemals ist sie die endgültige Wahrheit, denn die gibt es nicht. Aber ich hoffe natürlich, dass meine Interpretation die interessanteste ist.
Rufus Beck hat mit seinen bis heute millionenfach verkauften Hörbüchern der Harry-Potter-Reihe ab 2000 den Hörbuch-Boom massgeblich mit angestossen. Auch seine Bibel-Lesung ragt weit über die Hörbuchmasse hinaus.
Christoph Wider
Sie haben mit der Bibel und Harry Potter zwei ganz unterschiedliche Monumente der Literaturgeschichte eingelesen. Welches Monument
haben Sie noch vor sich?
Die Ilias und die Odyssee von Homer, die würden mich schon reizen. Ich hatte immer ein grosses Faible für griechische Mythologie. Es ist so spannend, wie viel davon in die Psychologie eingeflossen ist, all diese archaischen und archetypischen Figuren. Diese Götter mit ihren unglaublich menschlichen Zügen. Mittendrin Zeus, der Göttervater, der gleichzeitig der geilste Casanova im Olymp ist.
Götter, an die wir nicht glauben müssen.
Ja, wir wissen sofort: Das ist erfunden. Aber von einer ungeheuren Vielfalt und immer wieder neu erzählt. Auch das sind kraftvolle Menschheitsgeschichten, die mich faszinieren. Ich will mich allerdings überhaupt nicht über die Bibel mokieren. Gerade das Neue Testament finde ich unglaublich interessant. Die Bergpredigt ist eine grossartige Vision. Und von den Kirchen bis heute nicht annähernd umgesetzt.