Elisabeth Bronfen war von 1993 bis 2023 Professorin für «English and American Studies» an der Universität Zürich. Sie war unter anderem Fellow in Harvard und Princeton und Gastprofessorin in Berkeley und an der Columbia. Sie lebt in Zürich.
Christoph Wider
Der erschütternde Anblick der Gewalt auf den Strassen von Minneapolis wirft eine grundsätzliche Frage auf: Gibt es im Jahr des 250-jährigen Bestehens der USA den vielbeschworenen common ground noch, der lange als Kern des amerikanischen Projekts gegolten hat? Trägt die tradierte Vorstellung überhaupt noch, wonach Entzweiung jeweils in der Wiederherstellung von nationalem Vertrauen münden kann? Es lohnt sich, an die These des Amerikanisten Sacvan Bercovitch zu erinnern: Selbst vernichtender Dissens diente in den USA immer wieder dazu, jenes System zu bejahen, das in Frage gestellt wurde. Dieses paradoxe Ritual der Zustimmung braucht regelrecht die Kritik, um ein nationales Einverständnis immer wieder neu auszuhandeln.
Das verbindende Narrativ, auf das man sich momentan einigen kann, ist die Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft. Auf beiden Seiten herrscht ein Unbehagen am Status quo, ein Misstrauen gegenüber politischen Institutionen. Es gibt zwar eine generelle Haltung gegen Autokratie. Aber Leitsprüche wie «No Kings» haben bislang keine nachhaltige Wirkung gezeigt. Vielmehr befeuert die Besorgnis um die amerikanische Demokratie ein grassierendes Gefühl des Ressentiments, das ein seltsames Zugehörigkeitsgefühl zur Folge hat. Man schenkt nur denjenigen Gehör, die dem eigenen Lager angehören.
Ein Blick in die Historie zeigt: Neu ist die Spaltung Amerikas nicht. Der Krieg in Vietnam liess Ende der 1960er-Jahre jenen Geist des Widerstandes aufflackern, mit dem ein Jahrhundert früher Henry David Thoreau in seiner Schrift «On Civil Disobedience» gegen die Sklaverei protestiert hatte. Mitglieder der Ohio National Guard feuerten im Jahr 1970 während eines Protests an der Kent State University in 13 Sekunden um die 67 Schüsse ab und hinterliessen vier Tote und neun Verletzte.
Der Unterschied zu damals liegt nicht im Einsatz von Polizeigewalt, sondern in der Reaktion aus dem Weissen Haus. Richard Nixon liess 1970 verkünden: «Dies sollte uns allen erneut vor Augen führen, dass es zu Tragödien kommt, wenn Dissens in Gewalt umschlägt.» Auch er gab zwar anfänglich den Demonstrierenden die Schuld, rief aber zu einer Beruhigung der Bevölkerung auf. Trump hat zwar ebenfalls von einer Tragödie gesprochen, sich aber nie dafür entschuldigt, dass man Renée Good und Alex Pretti anfangs als Terroristen verleumdet hat. Vielmehr lautet die Devise im Weissen Haus: «Control the narrative.» Es geht nicht um Wahrheit, sondern um Deutungshoheit. Die Trump-Regierung hält an der Geschichte fest, die zur eigenen Entlastung dient, auch wenn das visuelle Beweismaterial dem widerspricht. Im Gegensatz zu Nixon gibt Trump offen zu, dass er lügt.
Was also die amerikanische Nation momentan zusammenhält, ist Zwiespalt. Selbst eine Werbung der Marke American Eagle sorgt für eine Kontroverse, weil sie mit dem Gleichklang der Worte «jeans» und «genes» spielt. Vielleicht aber ist die Trennungslinie der beiden Lager nicht immer scharf zu ziehen. Auf beiden Seiten trägt man nicht nur Jeans, sondern auch Waffen und Mobiltelefone. Weil alles unter Verdacht steht, verstehen sich alle als Zeugen, die dokumentieren, was ihnen auf den Strassen der Nation widerfährt.
In den letzten Wochen konnte man auch versöhnlichere Stimmen hören. George Packer hat im «Atlantic» für eine Bewegung grundlegender Anständigkeit plädiert und Hillary Clinton an die Fähigkeit zur moralischen Empathie appelliert. Beiden geht es um ein nationales Narrativ mit Zukunftsvision. We agree to disagree. Auch das war immer eine typisch amerikanische Einstellung: Nicht Regeneration durch Gewalt, sondern eine Erneuerung durch Dissens.