Widmer & Binotto

Dürfen wir Talente brach liegen lassen?

Jesus hat als Allererster die Frage nach dem Umgang mit Talenten gestellt und sogleich unmissverständlich beantwortet: Wer seine Talente nicht nutzt und vermehrt, dem werden sie genommen. Ich bin überrascht, dass Jesus sein Gleichnis ausgerechnet im Finanzsektor ansiedelt. Das Talent ist in der Bibel nämlich eine Gewichtseinheit, aber auch ein Geldmass: Es entspricht 6000 Drachmen. Was für eine Steilvorlage liefert Jesus damit Investmentbankern, die Kunden mit der Aussicht locken: Lass das Geld für dich arbeiten!

Will Jesus so verstanden werden? – Die KI-gestützte Antwort von Google: Das Gleichnis «ist ein Aufruf zu Risikobereitschaft, Wachstum und verantwortungsvollem Einsatz der von Gott gegebenen Gaben.» Klingt verdächtig nach «sustainable investment» – nach «Geldvermehrung mit Ablass-Bonus». Weil die KI ihre Antworten nicht im leeren Raum findet, ist zu vermuten, dass Jesus vom 21. Jahrhundert tatsächlich sehr oft als erster Anlageberater der Geschichte verstanden wird.

Aber Jesus spricht doch von Begabung! – Dieser Einwand mag zutreffen, stellt jedoch die Geschichte auf den Kopf, denn Talent wird nur deshalb mit Begabung gleichgesetzt, weil Jesus einst dieses  Gleichnis erzählt hat.

Allerdings würde ich selbst bei der Nonprofit-Interpretation gerne mit Jesus ins Streitgespräch einsteigen: Ächzt unser Planet nicht schon genug unter Wachstumsideologien? – Geht es nicht zu vielen Menschen schlecht, weil sie sich dem Druck zur Selbstoptimierung nicht entziehen können? – Können wir all das Leid, das durch Machtstreben entsteht, wirklich ausblenden? – Und wie christlich ist es, die erfolgreichen Reichen zu loben und die mut­losen Armen zu bestrafen?

Als Kind der Gegenwart erlaube ich mir, das Gleichnis von den Talenten zu erweitern: Sei grosszügig mit deinen Talenten! – Teile sie mit anderen! – Gönn dir unproduktive Auszeiten und nutzlose Spielereien! – Finde eine Gelassenheit, in der du ein Talent voller Gottvertrauen auch mal liegen lassen kannst!