Bettina Wellmann hat zur Psalmenexegese bei Augustinus und im Midrasch Tehillim promoviert. Sie ist wissenschaftliche Referentin beim Katholischen Bibelwerk e. V. und zuständig für die Zeitschrift «Bibel heute» sowie das Lectio-Divina-Leseprojekt.
Britta Roski
Die Bibel ist kein Lehrbuch, sondern ein Erzählbuch über das Leben. Sie selbst steckt voller Erzählungen – sogar dort, wo man es nicht vermutet. Der Begriff «Tora» für die ersten fünf Bücher des Alten Testaments meint zwar «Weisung» oder «Lehre», aber dieser Teil der Bibel besteht mindestens zur Hälfte aus Erzählungen und Familiengeschichten. Auch der Psalter ist ein Erzählbuch. Das hebräische Wort für «erzählen» kommt in ihm ungefähr 30-mal vor. Der Psalter kennt zwar die Sprechweise der Anrede und Klage. Wenn aber die Not gewendet ist, erzählt der Beter oder die Beterin dieses Glück lobend weiter: «Ich will erzählen, was Gott Gutes für mein Leben getan hat» (Psalm 66,16). Die rettende Erfahrung bleibt nicht beim Einzelnen, sondern eine Sprache wird dafür gefunden. Das Erzählen des Erlebten wird zu einer Glaubenssprache jenseits von erlernten Gebeten.
Auf den Punkt genau erzählen, das konnte auch Jesus. Er spricht in seiner Verkündigung immer wieder als Erzähler, und er konnte ausgesprochen brillant und präzise formulieren. Seine Gleichnisse folgen klaren Erzählgesetzen. Ein Beispiel: Nach dem dreifachen, sich steigernden Misserfolg kommt das alles übersteigende Ergebnis (wie im Gleichnis vom Sämann in Mk 4,1–9). Jesus zieht Bilder zum Vergleich heran, die viel mit dem Leben der Landbevölkerung in Galiläa zu tun haben. Dies ist keine Predigtmasche, um «die Leute dort abzuholen, wo sie sind». Vielmehr schafft Erzählen Wirklichkeit. Die Gleichnisse Jesu machen erlebbar: Das Reich Gottes ist keine Zukunftsmusik, sondern hat im Leben der kleinen Leute bereits begonnen.
Das Besondere beim Erzählen ist, dass wir in Geschichten hineingezogen werden und beim Lesen oder Hören Teil von ihnen werden. Erzählfiguren laden ein, sich mit ihnen zu identifizieren und ihre Handlungsmuster zu übernehmen. Erzählte Gefühle, Brüche oder Spannungen inspirieren, selbst in die Geschichte einzusteigen.
Nicht ohne Grund haben die biblischen Autorinnen und Autoren ihre Theologien in weiten Teilen erzählerisch entfaltet. Denn sie erzählen nicht absichtslos oder neutral. Sie wollen die Menschen überzeugen und herausfordern, nicht nur den Verstand, sondern auch das Herz ansprechen. Wie gelingt es besser als durch Erzählen?
Das heisst nicht, dass die Geschichten nicht wahr sind. Aber ihre Wahrheit liegt wie bei jeder Erzählung auf einer anderen Ebene als der Richtigkeit. Ihre Wahrheit liegt in der Erfahrung, die sie beschreiben und die sie in vielfältiger Resonanz bei den Adressaten hervorrufen.
Dass Erzählen eine Form der Theologie ist, zeigt sich auch im Wort «Exegese». Das griechische exegeomai meint sowohl «auslegen» als auch «erzählen» und kommt sechsmal im Neuen Testament vor, unter anderem in der Emmauserzählung, wo beim Erzählen der Jünger Glaubensdinge verhandelt werden (Lk 24,35). Besonders eindrücklich ist die Aussage über Jesus zu Beginn des Johannesevangeliums: «Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht» – wörtlich «erzählt» (Joh 1,18). Im Erzählen legt Jesus Gott aus und betreibt Theo-Logie, Gottes-Rede.
Judentum und Christentum bilden bis heute Erzählgemeinschaften, bei deren liturgischen Feiern und Festen Menschen um biblische Geschichten versammelt sind und durch Erinnern und Erzählen das rettende Handeln Gottes vergegenwärtigen. Ein wichtiger Impuls für heutige Glaubenspraxis ist es, zum Erzählen anzuregen: Was aus den biblischen Geschichten steckt in dir? – Wie erzählst du es?
Tipps für alle, die in der Bibel lesen
Die Bibel ist Theologie in Erzählform, die zum Mitgehen, Mitfühlen und Einprägen einlädt. Wer der Bibel als Erzählerin auf die Spur kommen will, liest biblische Texte mit verschiedenen Farbstiften in der Hand.
— Beim ersten Lesen
unterstreiche ich alle wichtigen Figuren und ihr Handeln. Alle bekommen eine eigene Farbe: Wer tut was?
— Beim zweiten Durchgang
unterstreiche ich alle Angaben zur Zeit, beispielsweise Wörter wie «dann», «plötzlich», «heute», «als» oder Zeitangaben wie «Abend» oder «Sonnenaufgang». Schon entdecke ich die Struktur der Szene.
— Beim dritten Lesen
markiere ich Angaben zum Raum wie «unten», «hinter», «draussen», «rechts». Im farbigen Text werden damit Zeit, Raum und der Spannungsbogen der Szene sichtbar. Darin bewegen sich die handelnden Figuren.
— Nun bin ich eingeladen,
diesen Raum ebenfalls zu betreten, um mit Mirjam zu tanzen, mit Sara eifersüchtig auf Hagar zu sein oder mit Zachäus auf den Baum zu klettern. Ich gehe mit ihnen ins Gespräch. Mit literarischen Figuren, die nach ähnlichen Mustern im Leben unterwegs sind wie ich.