Victorius | Jerry Zeniuk, 2012, Gemälde in der Kapelle der Katholischen Akademie in München, Öl auf Leinwand, 280 × 400 cm
Christian M. Rutishauser SJ
Im Herbst, wenn die Bäume ihre Blätter verlieren und die Natur der winterlichen Brachzeit entgegengeht, liegen die Feste Allerheiligen und Allerseelen wie auch der Totensonntag. Im November gedenken wir der Verstorbenen und besuchen ihre Gräber. Es ist die Zeit, über die Sterblichkeit des Menschen nachzudenken. Die Endlichkeit der Geschöpfe beschäftigt den Menschen, und die Religionen gestalten das Sterben seit jeher. Die Bibel aber ringt nicht sonderlich mit dem Tod. Für das Alte Testament ist er ein Faktum. Der Mensch geht nach dem irdischen Leben in die «Scheol», in eine Art Schattenwelt.
Auch für das Neue Testament ist die Sterblichkeit nicht die zentrale Herausforderung. Es ringt mit einer anderen Form des Todes: mit Mord und Totschlag, mit Gewalt und Machtmissbrauch. Sie führen zu einem unnatürlichen Tod. Die Dringlichkeit, sich damit auseinanderzusetzen, steigert sich sogar, weil Jesus umgebracht wurde, ein junger jüdischer Mann, der fromm und gerecht lebte und von seinen Anhängerinnen und Anhängern als Messias gefeiert wurde. Doch selbst der engste Jüngerkreis hatte ihn verraten. Das geschah mitten im Frühling, wo alles Leben aufblüht. Jesus wurde am Pessach-Fest von den Römern hingerichtet, als er zusammen mit seinem Volk feierte, dass Gott sie aus der Sklaverei Ägyptens befreit und zu einer «heiligen Nation» geformt hatte. Doch mit Jesu Kreuzigung statuierten die Römer ein Exempel gegen das ganze jüdische Volk.
Die Frage nach der Gerechtigkeit für jüdische Märtyrer hatte sich bereits im 3. Jahrhundert vor Christus gestellt. Die Makkabäer, eine jüdische Familie, führten einen Kampf gegen König Antiochus Epiphanus, weil dieser im Jerusalemer Tempel eine Zeus-Statue hatte aufstellen lassen. Die Makkabäerbücher erzählen, wie dabei eine Mutter ihre sieben Söhne verliert. Weil sie der jüdischen Tradition treu sind, werden sie zu Tode gefoltert. Hat ihnen der Kampf um Gottes Heiligtum nur den Tod gebracht? Gingen sie leer aus, auch wenn die Revolte schliesslich erfolgreich war? Sie gaben sich mit der althergebrachten Antwort «Scheol» nicht mehr zufrieden. Totgeschlagen werden und dann ein Schattendasein führen, soll das der Lohn Gottes sein? Nein. So bezeugen sie, dass sie an den Gott Israels glauben, der sie von den Toten auferwecken wird. Wenn Gott aus Liebe zum Leben die Welt geschaffen hat, wird er dann nicht auch die Gerechten aus dem Tod erwecken?
Der Glaube an die Auferstehung der Toten ist aus dem Vertrauen entstanden, dass Gott ein gerechter Richter ist. Abzulesen ist dieses Vertrauen nirgends: Nicht am Zerfall des Körpers im Tod, der eine unsterbliche Seele freisetzen würde. Auch nicht am Nachdenken über die Sterblichkeit selbst. Denn diese ist meist eine Spekulation von jenen, die sicher zu Hause sitzen. Der Glaube an die Auferstehung ist die Hoffnung jener, die auf die Strasse gegangen sind und für Gott gekämpft haben – wie die Makkabäer. Auferstehung ist eine Angelegenheit der Gerechtigkeit.
Zur Zeit Jesu hatte sich dieser Glaube im jüdischen Volk noch nicht durchgesetzt. Bei den Pharisäern aber wurde er bereits hochgehalten. Auch das spätere, rabbinische Judentum hat ihn übernommen. Und die Jüngerinnen und Jünger Jesu? Sie werden in ihrer Trauer und Verzweiflung über Jesu Kreuzigung gleichsam vom Auferstandenen überfallen. Zum Beispiel jene beiden Jünger, die sich auf den Weg ins Dorf Emmaus aufmachen. Plötzlich geht Jesus mit ihnen – doch er bleibt ihnen fremd, sie erkennen ihn nicht. Er aber öffnet ihnen die Augen für das Verständnis der Heiligen Schrift, ist ihr Schriftgelehrter. Er erklärt ihnen, dass der Menschensohn gemäss der Tora «leiden musste»: Er hatte sich ja als Gerechter gewaltlos für Freiheit und Gerechtigkeit eingesetzt. Doch sie verstehen nicht, sind mit Blindheit geschlagen. Am Abend kommen sie in Emmaus an und kehren ein. Erst da, als Jesus mit ihnen das Brot bricht, gehen ihnen die Augen auf; doch da ist er auch schon entschwunden.
Ähnlich ist die Erfahrung von Maria Magdalena: In aller Frühe nach dem Schabbat eilt sie zum Grab. In Trauer verschlossen, denkt sie nicht an Auferstehung. Plötzlich wird sie angesprochen. Das kann nur der Gärtner sein. Doch es ist der Auferweckte. «Maria», spricht er sie an. Sie ist bewegt und erkennt: «Rabbuni», mein Meister. Berühren oder gar festhalten kann sie ihn nicht. Er entschwindet. Petrus geht es nicht besser. Er ist zurück in Galiläa, flieht enttäuscht über die Kreuzigung Jesu in seine Alltagsarbeit, in die Fischerei. Doch er fischt im Trüben. Als der Auferstandene am Ufer erscheint, erkennt er ihn nicht. Mit seinem dreimaligen Verrat an Jesus ist er aus der Liebe herausgefallen. Als Petrus Christus aber erkennt und am Ufer ankommt, ist dieser verschwunden. Nur ein Kohlenfeuer mit einem Fisch bleibt zurück.
Die Auferstehungserzählungen folgen dem gleichen Muster: Solange der Auferstandene sich zeigt, wird er nicht erkannt. Im Augenblick aber, in dem er erkannt wird, entzieht er sich. Was hier erzählt wird, sind Blindenheilungen und Erleuchtung. Nicht nur, dass Jesus weiterlebt, Maria und die anderen gewinnen eine tiefe Erkenntnis: Gott erweckt nicht einfach den Menschen, sondern Gott erweckt den Gerechten, der angesichts von Gewalt und Folter die Feindesliebe gelebt hat. Es sind Hingabe und Liebe, die stärker sind als der Tod. Das Leben nach dem Tod ist das Leben von Gerechtigkeit und Liebe, das zur Fülle kommt.
Stärker als der Tod ist also alles, was der Mensch in Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit, Hingabe und Liebe gelebt hat. Seine Gerechtigkeit und Liebe sind allerdings bruchstückhaft. So müsste er sterben wie alle Geschöpfe. Das irdische Leben ist endlich. Die Frohbotschaft ist: Wer an Christus glaubt und in seiner Nachfolge lebt, wird mit ihm auferweckt – weil er Anteil hat an seiner Hingabe. Das Bruchstückhafte wird vollendet. Daher kann Paulus die todbringenden Kräfte jubelnd verspotten: «Tod, wo ist dein Stachel. Tod, wo ist dein Sieg!»