Anno Domini

1874: Kulturkampf

1874 setzten sich in der Schweiz die Liberal-Radikalen gegen die Katholisch-Konservativen durch. In der Bundesverfassung wurde die staatliche Lenkung des Schulwesens festgeschrieben, die Feststellung des Zivilstandes und das zivile Begräbniswesen. Damit war der sogenannte Kulturkampf, der seit den 1830er-Jahren herrschte, entschieden. Er war durch eine päpstliche Enzyklika ausgelöst worden, die 1832 alle liberalen Freiheiten verurteilt hatte, und 1864 durch eine weitere Enzyklika gegen Fortschritt, Liberalismus und moderne Kultur verschärft worden. Die Katholisch-Konservativen orientierten sich politisch immer stärker in Richtung Rom und bauten ein Netzwerk von katholischen Vereinen auf, die ein «richtig» katholisches Leben von der Wiege bis zur Bahre garantieren sollten. Es entstanden wieder tiefe Gräben zwischen den Konfessionen, zwischen katholisch und protestantisch geprägten Kantonen. Die Katholisch-Konservativen galten wegen ihrer Nähe zum Papst sogar als Gefahr für den Bundesstaat. Das gipfelte in mehreren Ausnahmeartikeln in der Bundesverfassung: Jesuiten wurden verboten, Gründungen neuer Bistümer waren nur mit Bewilligung des Bundes erlaubt, Bürger geistlichen Standes – auch ordinierte protestantische Pfarrer – durften nicht in den Nationalrat gewählt werden.