Zürcher Synagogenchor erstmals in römisch-katholischer Kirche

Der Synagogenchor der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich trat erstmals in einer römisch-katholischen Kirche auf: in Liebfrauen. Der Anlass fällt in einen weltpolitisch höchst angespannten Moment.

Synagogenchor der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich ICZ
Den Synagogenchor gibt es seit 1884. Nun, mehr als 140 Jahre später, singen die Männer das erste Mal ein Konzert in einer römisch-katholischen Kirche.

Ein ungewöhnliches Bild: Männer mit Kipa stehen auf den Treppen zum Altarraum der Liebfrauenkirche. Hier, an einem zentralen Ort römisch-katholischer Liturgie in Zürich singt der Synagogenchor, und zwar Lieder und Gebete aus der jüdischen Liturgie, die sonst am Schabbat, am Versöhnungstag Jom Kippur sowie am Neujahrstag Rosch ha-Schana gesungen werden. Das Konzert finde «in einem Moment der schwierigen weltpolitischen Lage» statt, sagte Stephan Oetterli zu Beginn. Der Präsident des Pfarreirats von Liebfrauen ist Initiator und Organisator der Veranstaltung, die aus Anlass des «Tags des Judentums» stattfand.

Ausschnitt aus «Ochila La-El», einem mittelalterlichen liturgischen Gedicht: «Ich hoffe auf Gott, flehe ihn an, bitte Ihn um die richtigen Worte, damit ich Seine Macht besinge und Lobgesänge anstimme zur Verherrlichung Seiner Taten.»

Dass es darum gehe, Antisemitismus und Antijudaismus in unserer Gesellschaft zu bekämpfen, betonte Christian Rutishauser eröffnend. Der Professor für Judaistik an der Uni Luzern ist unter anderem Co-Präsident der jüdisch/römisch-katholischen Gesprächskommission der Schweiz, eines gemeinsamen Gremiums des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes und der Bischofskonferenz. Letztere ist Schirmherrin des «Tags des Judentums», der in der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz jährlich am zweiten Sonntag der Fastenzeit begangen wird. Dieser Sonntag, diesmal der 1. März, sei ein guter Anlass für eine Begegnung dieser Art.

Rutishauser sagt, er freue sich, dass der Tag des Judentums nun auch vermehrt in Pfarreien aufgenommen werde: «Wir wollen durch das gegenseitige Kennenlernen einen positiven Bezug zueinander finden.» Die rund 200 Personen, die zum Konzert gekommen waren, begrüssten denn auch den Chor mit hörbar grossem Applaus und verabschieden ihn schlussendlich nach rund einer Stunde und einer Zugabe mit «Standing Ovations». Ein Vater, der mit seinem 5-jährigen Sohn zugehört hatte, zeigte sich positiv: «Das ist der Vorteil einer liberalen Gesellschaft, dass wir uns über kulturelle Grenzen hinweg begegnen können.» Als das Konzert im Gottesdienst am Morgen angekündigt worden sei, habe es ihn interessiert – und auch sein Sohn habe dazu nochmals in die Kirche mitkommen wollen.

Dirigiert wurde der 17-köpfige Chor von Robert Braunschweig, der sich vor dem Publikum begeistert zeigte: «Es ist sehr schön, in einem prächtigen Gotteshaus mit solch einer besonderen Atmosphäre zu singen. Man spürt, dass wir hier in einem Gotteshaus sind, das wirklich benützt wird, in dem wirklich Liturgie gefeiert wird. Ich hoffe, dass wir heute von unserer Liturgie etwas weitergeben konnten.»

André Golliez (Mitte), Vizepräsident des Synagogenchores, Stephan Oetterli (links) und Francesco Papagni vom Pfarreirat Liebfrauen

Die freundschaftliche Verbundenheit hat den Anlass möglich gemacht: André Golliez (Mitte) ist Vizepräsident des Synagogenchores, Stephan Oetterli (links) und Francesco Papagni vom Pfarreirat Liebfrauen.

In Kirchen anderer Konfessionen war der Synagogenchor bereits aufgetreten, etwa in der Predigerkirche. In einer römisch-katholischen Kirche hingegen ist ein Auftritt grundsätzlich schwieriger: wegen des jüdischen Bilderverbots. André Golliez, Sänger seit 40 Jahren und Vizepräsident im Vorstand des Chores, erzählt, wie der Auftritt dennoch möglich wurde: «Alle Mitglieder des Chores waren einverstanden, in der Kirche Liebfrauen ein Konzert zu geben. Selbstverständlich mussten wir unseren Rabbiner fragen: Noam Hertig gab uns sein Einverständnis – weil es sich um ein Konzert handelt, und nicht um eine Beteiligung an einer Liturgie.» Mehr als 140 Jahre seien damit seit der Gründung des Chores 1884 vergangen, bis dieser nun in einer römisch-katholischen Kirche zu einem Auftritt kam, rechnete Stephan Oetterli vor und unterstrich, dass es sich hierbei um einen «historischen Meilenstein» handle.

«Es ist ein Konflikt zwischen westlichen Demokratien und extrem-islamistischen Staaten.»

Das Konzert fand einen Tag nach dem Angriff von Israel und den USA auf den Iran statt. Sowohl Dirigent Robert Braunschweig als auch Christian Rutishauser äusserten sich am Rande der Veranstaltung dazu. Robert Braunschweig kommentierte: «Angesichts der ständigen Bedrohung, die das Regime im Iran für Israel darstellt, verstehe ich den Schritt, der gemacht wurde. Das Regime war nicht bereit, in einen Dialog zu treten. Die Bedrohung für Israel ist viel zu gross.» Christian Rutishauser sagte: «Der Konflikt jetzt zeigt noch einmal, dass es nicht einfach um einen Konflikt zwischen Israel und Palästina geht. Es ist vielmehr ein Konflikt zwischen westlichen Demokratien und extrem-islamistischen Staaten. Der Konflikt hat eine globale und eine regionale Dimension. Das Judentum steht in der Mitte, wie schon damals in Europa. Damals in Europa hat sich das Judentum nicht gewehrt. Jetzt hingegen wehrt es sich.»