Es gibt unzählige Werke zur Passion Christi. Warum haben Sie sich für Bachs Johannespassion entschieden?
Raphael Immoos: Johann Sebastian Bachs Johannespassion gehört zu unserem kulturellen Erbe. Mindestens einmal im Leben muss man sich mit diesem wunderbaren Werk auseinandersetzen. Diese Gelegenheit bietet sich nun mit diesen Aufführungen in der aktuellen Fastenzeit.
Warum ersetzen Sie in «Ihrer» Johannespassion die gesungenen Rezitative durch gesprochenen Text?
Die Rezitative geben den Text des Johannesevangeliums wieder. Es ist uns wichtig, dass alle diese Geschichte verstehen. In der Originalfassung kann man nicht davon ausgehen – barockes Deutsch klingt anders als das heutige. In unserer überarbeiteten Fassung kommen zudem keine Einzelnamen vor, und die Juden werden nicht für Jesu Kreuzigung verantwortlich gemacht. Inzwischen wissen wir, dass kein Volk vor Krieg und Terror gefeit ist. Sündenböcke zu suchen, löst keine Probleme.
Eine Frau als Evangelistin: Dorothée Reize erzählt in Ihrer Interpretation die Handlung der Passionsgeschichte. Warum fiel die Wahl auf sie?
Dorothée Reize ist eine hervorragende, vielseitige Schauspielerin und Sängerin. Sie war in diversen Filmen präsent, etwa in «Lüthi & Blanc» oder in «Der Bestatter». Sie setzt sich auch mit geistlichen Themen auseinander, beispielsweise in der Produktion «Ranft-Ruf».
Dirigent Raphael Immoos über Bachs Johannespassion: «Mindestens einmal im Leben muss man sich mit diesem wunderbaren Werk auseinandersetzen.»
Alejandro Gómez Lozano
Wie haben Sie auf die Anfrage reagiert, die Rolle des Evangelisten zu übernehmen?
Dorothée Reize: Ich war überwältigt. Es war eine der ungewöhnlichsten Anfragen, die ich je bekommen habe. Dass es nicht darum ging, die Rolle unbedingt mit einer Frau zu besetzen, sondern dass meine Darstellung der Dorothea im «Ranft-Ruf» überzeugt hat, war mir eine grosse Freude.
Warum haben Sie zugesagt?
Da gab es nichts zu überlegen. Zwar trete ich oft mit biblischen Texten in Kirchen auf, aber das ist etwas ganz Neues. Zudem ist es eine grosse Ehre, mit solch guten Musikerinnen und Musikern auftreten zu dürfen.
Wie hat sich Ihre Interpretation des Werks entwickelt?
Es brauchte viel eigene Vorbereitung, um den Text zu lernen und ihm nachzuspüren. Bei der ersten gemeinsamen Probe mussten wir uns erst finden, es war für alle Neuland. Danach wuchsen wir immer mehr zusammen. Die Krönung sind jeweils die Konzerte, erst wenn das Publikum dazukommt, wird es ein Ganzes, ein tiefes mystisches Erlebnis, eine Art Gottesdienst.
Für Dorothée Reize wird Bachs Johannespassion erst mit dem Publikum zu einem Ganzen und zu einem «mystischen Erlebnis».
Benno Hunziker
Was berührt Sie in Bachs Johannespassion?
Raphael Immoos: Die Choräle und Arien richten den Blick nach innen. Es sind keine Bibeltexte, sondern menschliche Empfindungen. Obwohl wir die Musik nun so oft gesungen haben, sind wir jedes Mal, selbst in den Proben, neu davon ergriffen. Das möchten wir mit dem Publikum teilen.
Dorothée Reize: Bach macht immer etwas mit mir, vor allem die gesungenen Passagen. Auch für mich ist er der fünfte Evangelist. Dass ich in einer Interpretation dieses Werks auftreten darf, in der das gesprochene Wort diese Wichtigkeit erhält, ist ein grosses Geschenk.
Dieser Beitrag ist zuerst im «pfarrblatt» Bern erschienen.
Bachs Johannespassion neu gedacht
Passionsmusik in fünf Bildern. Kammermusikalische Aufführung mit der Schauspielerin Dorothée Reize.
Basler Madrigalisten
Colla Voce Consort
Sprecherin: Dorothée Reize
Leitung: Raphael Immoos
Textbearbeitung: Theo Schaad
Do, 12. März, 18.15, Kulturkirche Paulus, Basel: Musizierende spielen und berichten über ihre Betroffenheit im Umgang mit diesem Meisterwerk. Was lief damals vor 2000 Jahren schief, und was können wir heute daraus lernen? Eine kommentierte Werkprobe zwischen Musik und Gespräch, mit einem Apéro zum Ausklang.
So, 22. März, 17.00, Michaelskirche Meiringen
Sa, 28. März 17.45, Kirche St. Peter und Paul, Zürich
So, 29. März, 17.00, Kirche St. Marzellus Gersau
Karfreitag, 3. April, 17.00, Reformierte Kirche Windisch
Eintritt frei (Kollekte), Dauer: ca. 80 Minuten