Wer Saatgut hat, kann Zukunft säen». Wie ist der aktuelle Slogan der Fastenkampagne zu verstehen?
Weltweit gibt es die kleinbäuerliche Tradition, lokales Saatgut zu bewahren und weiterzugeben. Dieses Saatgut, über Jahrhunderte gezüchtet, verändert und angepasst, garantiert eine grosse Artenvielfalt. Diese kleinbäuerlichen Strukturen produzieren 70 Prozent aller Nahrungsmittel. Wenn diese Vielfalt bewahrt wird, kann der Nahrungsbedarf der Weltbevölkerung auch in Zukunft gedeckt sein.
Ist diese Vielfalt denn gefährdet?
Ja. Einerseits sind schon rund drei Viertel aller Saatgutsorten verschwunden. Andererseits möchten die Bäuerinnen und Bauern effizient produzieren, auch im globalen Süden. Dazu verwenden sie Saatgut, das im Labor so verändert wurde, dass beispielsweise die Früchte gleichzeitig reif sind oder dass die Pflanzen gleich gross werden. Man nennt das Hybridveränderung. Solche Kriterien sind sehr wichtig bei der Ernte, weil man so grössere Mengen ernten kann, ohne auszusortieren.
Was ist daran problematisch?
Solche Monokulturen sind auf industrialisiertes Ernten ausgerichtet. Das erhöht zwar die Produktion, aber auch die Anfälligkeit für Schädlinge. Wenn eine Pflanze von einem Schädling befallen ist, entfällt die ganze Ernte. Pflanzt man hingegen zehn verschiedene Sorten an und zwei davon werden von diesem Schädling befallen, ist immerhin 80 Prozent der Ernte gesichert.
Die Ökumenische Kampagne 2026: «Zukunft säen»
Die Ökumenische Kampagne sensibilisiert dieses Jahr für das Recht von Bäuerinnen und Bauern, Saatgut frei zu nutzen. Im globalen Süden sind viele von internationalen Agrochemie-Unternehmen abhängig. Die Kampagne, getragen von Fastenaktion und HEKS, dauert von Aschermittwoch, dem 18. Februar, bis Ostern am 5. April.
Wer entscheidet darüber, welches Saatgut ein Bauer, eine Bäuerin, verwendet?
Auf Druck internationaler Agrarkonzerne wie Monsanto oder Syngenta verschärfen immer mehr Staaten im Süden ihre gesetzlichen Bestimmungen. Freihandelsabkommen beinhalten Saatgutgesetze und Sortenschutzvorgaben, die den Verkauf und den Tausch bäuerlichen Saatguts begrenzen. Das zwingt Landwirtinnen und Landwirte zum Erwerb von teurem Konzernsaatgut.
Was ist mit Sortenschutz gemeint?
Der Begriff ist verfänglich, denn er schützt nicht die Sorte, sondern den Besitzer dieser Sorte, also den Agrarkonzern. Wenn ein Konzern ein Saatgut im Labor entwickelt hat, beansprucht er, dass es ihm gehört. Nehmen wir als Beispiel Tomaten. Bauern und Bäuerinnen kaufen die Samen dieses Konzerns, pflanzen sie und ernten die Tomaten. Der Sortenschutz besagt, dass die Samen dieser Tomate patentrechtlich geschützt sind.
Welche Folgen hat das?
Wenn die Samen dem Agrarkonzern gehören, dürfen die Produzenten und Produzentinnen sie nicht weiterverwenden. Hybrides Saatgut ist oft so verändert, dass es ohnehin kein zweites Mal keimt. Die Landwirte sind also gezwungen, immer wieder neues Saatgut zu kaufen. Im traditionellen System würde eine Bäuerin oder ein Bauer ein paar Tomaten zurückbehalten, die Samen rausnehmen, trocknen und im nächsten Jahr wieder einpflanzen. Oder sie zum Beispiel auf dem Markt gegen Papaya-Samen tauschen.
Der Konzern Syngenta argumentiert damit, dass er die Landwirt:innen im Kampf gegen Schädlinge unterstütze.
Ja, meist führt das Saatgut nur zu erfolgreicher Ernte, wenn man gleichzeitig mitentwickelte Schädlingsmittel und Dünger verwendet. Der Konzern profitiert also dreifach.
Traditionelles Saatgut dürfte auch nicht resistent sein gegen alle Schädlinge.
Nein, aber durch die Vielfalt wird das Risiko verringert, dass die gesamte Ernte ausfällt.
Was können Bauern und Bäuerinnen tun, um sich gegen die Handelsabkommen zu wehren?
In Honduras zum Beispiel haben sich Landwirtinnen gemeinsam gewehrt. Sie konnten bei ihrer Regierung vorsprechen und bewirken, dass diese Gesetze zurückgenommen wurden. Das ist jedoch eher die Ausnahme. Traditionellerweise sind kleine Produzentinnen und Produzenten weitläufig verstreut. Es braucht viel, damit sie sich zusammenschliessen können. Und so ein Agrarkonzern ist ein potenter Gegner.
Zielgruppe der Fastenkampagne sind die Pfarreimitglieder. Was nützt es den Menschen im globalen Süden, wenn wir hier um diese Zusammenhänge wissen?
Eine Einzelperson bei uns im Norden kann dieses Problem nicht lösen. Wir generieren mit der Kampagne Spenden für unsere Programme im Süden. Wenn man für ein Projekt Spenden sammelt, muss man erklären, wo das Problem liegt. Wir unterstützen die lokalen Gemeinschaften darin, ihr Recht auf Saatgut einzufordern und ihr eigenes Saatgut weiterzuentwickeln. Oder dieses nach agrarökologischen Prinzipien anzubauen, damit sie auch ohne Chemie zu besseren Ernten kommen.
Muss dieses Knowhow aus dem Norden kommen?
Bei den Landwirtinnen und Landwirten im Süden ist – ähnlich wie bei uns – sehr viel Know-How verloren gegangen. Wir unterstützen lokale Organisationen, die traditionelles Wissen stärken und ihren eigenen Leuten helfen, sei das auf landwirtschaftlicher oder auf politischer Ebene.
Gelingt es, die Menschen vor Ort von der Bedeutung der Vielfalt zu überzeugen?
Natürlich sind Monokulturen auch für die lokale Bevölkerung im Süden einfacher. Aber Studien belegen, dass Mischkulturen längerfristig für kleinbäuerliche Produktionen ertragreicher sind. Wir unterstützen in Kenia ein Programm mit Schulgärten. Die Kinder lernen dort von lokalen Leuten, wie man einen Garten anlegt, wie man Pflanzen setzt, erntet und wie man das Saatgut nach der Ernte weiter nutzen kann. Die Kinder bekommen zum einen in der Mittagspause ihr eigenes Gemüse vorgesetzt, zum anderen geben sie ihr Wissen an die Eltern zuhause weiter.
Die Kampagne sensibilisiert auch für die Artenvielfalt hier bei uns.
Wir möchten ins Bewusstsein rufen, dass es nicht nur die eine Tomatensorte aus dem Supermarkt gibt, die wenig Geschmack hat. Auch bei uns gibt es alte Sorten, die sehr gut schmecken. Man bekommt sie eher auf dem Markt, direkt vom Hof oder von der eigenen Fensterbank.
Dieses Interview ist zuerst im Pfarrblatt Bern erschienen.
zvg
Fanny Bucheli ist Kommunikationsverantwortliche für die Ökumenische Kampagne «Sehen und Handeln» von Fastenaktion.