Grosse Erzählungen

Treue

Die jüdisch-christliche Tradition erzählt uns von der Treue. Wie Gott sie ermöglicht – obwohl der Mensch scheitert. 

Der Stier | Vasily Lysenko, 1923, Öl auf Leinwand, 141,5 × 109,2 cm

Der moderne Mensch möchte so frei wie möglich leben. Doch die Wissenschaft hat auf genetische Veranlagung, psychologische Prägung und neurobiologische Prozesse hingewiesen, die der Freiheit vorausliegen. Menschliches Verhalten ist von kulturellen Mustern bestimmt. Vor allem steht er in einem Netz von prägenden Beziehungen, die Freiheit ermöglichen, aber auch beschränken. Dazu kommt die Erfahrung, dass im Leben «höhere Mächte» im Spiel sind. Sind sie nur Zufälle oder sind es einfach die Umstände? Handelt es sich um Schicksal oder Glück?

Für den Glaubenden hat auch Gott die Hand im Spiel. Doch wie wirkt Gott? Die Tora, die fünf Bücher Mose, antwortet auf diese Frage mit der Erzählung des Exodus, dem Weg durch die Wüste ins gelobte Land. Gott greift dort ein, wo die Israeliten um Befreiung und Gerechtigkeit ringen. Sie sind in Ägypten versklavt. Mit den Göttern des Pharaos, die nur seine Macht stützen, können die Israeliten nichts anfangen. Gott als «höheres Wesen» genügt ihnen im Kampf um Leben und Tod nicht. Sie wenden sich in einem Bittgeschrei an Gott. Dieser erscheint daraufhin dem Mose auf überraschende Weise im brennenden Dornbusch. Gott offenbart seinen Namen. Gott macht sich damit «anrufbar». Nun können die Israeliten mit ihm in Beziehung treten. Doch Gottes Name besteht aus vier Buchstaben: JHWH. Geheimnisvoll und unaussprechlich, wie die jüdische Tradition lehrt. Mose fragt: Was soll der Name bedeuten? Gott antwortet: «Ich-bin-der-ich-bin-da».

Zu diesem Zeitpunkt ist Mose bereits tief in den Befreiungskampf verstrickt. Er hat einen Ägypter ermordet. Er musste fliehen und lebt jetzt in der Wüste. «Ich-bin-der-ich-bin-da» aber ist die Zusage Gottes an ihn: Du bist nicht allein. Ich bin mit dir. Ich begleite dein Vorhaben. Gott offenbart sein Wesen, indem er sagt: So wie ich Abraham, Isaak und Jakob begleitet habe, so stehe ich jetzt an deiner Seite – auch in der Zukunft. Die vier Buchstaben JHWH bedeuten Treue und Beistand für sein konkretes, schwieriges Unterfangen. 

Wenn sich Gott zeigt und in seinem Volk wirkt, ist damit immer ein Auftrag verbunden. Gott nur zur persönlichen Selbstbestätigung – das gibt es in der Bibel nicht. Mose soll in der Tat alle Israeliten aus der Versklavung Ägyptens befreien und in ein neues Land führen, nicht aber durch Mord und Totschlag. Wundersam erzählt das Buch Exodus, wie Gott Mose und die Israeliten durch das Schilfmeer führt. Gott selbst übernimmt Verantwortung für den Untergang der Unrechtsarmee des Pharaos. In der Wüste Sinai angekommen, erhalten die Israeliten den Dekalog, eine Weisung, um die neue Freiheit gerecht zu gestalten. Gott und die Israeliten schliessen einen Bund: Die Israeliten lassen sich verpflichten, als gerechte und freie Gesellschaft ohne Gewalt zu leben, auch wenn dies ein langer Weg sein wird. Die fünf Bücher Mose erzählen, dass es die erste Generation nicht schafft. Sie darf nicht ins verheissene Land einziehen, wo eine alternative Hochkultur zu Ägypten entstehen soll. Erst das Buch Joschua wird davon handeln. Der Einzug ins Land geht aber nicht ohne Mord und Totschlag. Verwirklichen die Israeliten je den Auftrag, auf den JHWH sie verpflichtet hat? 

Gott bleibt auf jeden Fall dran. Er will sein Volk in ein Land und Leben der Freiheit und Gerechtigkeit führen. Dabei ist er der unsichtbare Gott, der grösser ist als alles, was sich Menschen ausdenken. Er darf nicht instrumentalisiert werden. Sein Name JHWH bleibt entzogen. Keine Macht über ihn! Er ist also frei und treu zugleich. Er begleitet, wenn auch im Verborgenen, auf unvorhersehbaren Wegen und nicht unmittelbar erfahrbar. 

So glaubten sich die Israeliten am Fuss des Berges Sinai von Gott vergessen. Handelt JHWH wirklich? Führt er weiter durch die Wüste? Über vierzig Tage kehrt Mose nicht vom Berg zurück. Er war hochgestiegen, um Gottes Weisungen zu empfangen. Die Israeliten halten es nicht mehr aus, dass Gott so unerfahrbar ist. Wie Mose ist auch JHWH für sie abwesend. Sie beginnen, ihren Schmuck einzuschmelzen: Sie schaffen sich einen eigenen Gott! Einen Stier aus Gold: erfahrbare, natürliche Potenz, aus eigenem Reichtum erschaffen. Doch Religion, die auf irdische Kraft setzt und Gott vergegenständlicht, stellt für die Bibel den ultimativ grossen Sündenfall dar. Eine solche Religion verrät, dass Gott treuer Helfer ist, der wundersam wirkt. Sie verkennt seine geistige Stärke jenseits der irdischen Gewalt. Als Mose vom Berg Sinai heruntersteigt und die Israeliten um den goldenen Stier tanzen sieht, zerbricht er denn auch die Bundestafeln. Dem Leser und der Leserin stockt hier der Atem: Verwirft Gott sein Volk? Zieht er sich in die Anonymität des Universums zurück? Bleibt JHWH treu, auch wenn die Israeliten untreu geworden sind? Jetzt kommt der Lakmustest der Gottesbeziehung.

Gott zeigt sich in der Tat dem Mose noch einmal. Er geht an ihm vorüber. Dieser steht im Felsspalt, ohne dass er Gott nochmals von Angesicht zu Angesicht sehen könnte. Und Gott offenbart seinen Namen ein zweites Mal: «JHWH, JHWH, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue: Er bewahrt tausend Generationen die Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg, aber er spricht nicht einfach frei, er sucht die Schuld der Väter bei den Söhnen und Enkeln heim, bis zur dritten und vierten Generation.» Treue, nichts als Treue, ist Gott – das wird hier erzählt. Wie die Israeliten, ruft er die Menschen auf den Weg zu Gerechtigkeit und Freiheit. Und alle versagen dabei allzu oft. Dafür müssen sie Verantwortung übernehmen, auch über Generationen hinweg. Doch Gott ist barmherzig. Oder wie Rilke schreibt: Man muss nur gehen, lass dir alles Geschehen, Schönheit und Schrecken, lass dich nicht trennen, nah ist das Land, das sie das Leben nennen. Kurz: Es ist nicht am Menschen, fehlerfrei zu leben und das Ziel zu erreichen. Er muss nur immer wieder umkehren und in Treue neu beginnen.