Ruedi Widmer
Wenn Wohlständler verzichten, geht’s ans Eingemachte: Ein Luxushotel im Bündnerland bietet sein 7-tägiges Detox-Programm für 7700 Franken an. Die Übernachtungskosten sind selbstverständlich nicht inbegriffen, kommen souverän obendrauf. Aber dann wird alles Gift aus dem Körper geholt, das man sich zuvor für teures Geld angefressen und angetrunken hat. Selbst das Bankkonto wird fix gesund geschrumpft.
Es gibt ganz offensichtlich einen riesigen Markt für bezahlten Verzicht: Wegkommen vom Handy. Runter mit den Pfunden. Einüben des Neinsagens. Schrank-Leerete mit Marie Kondō. Sanfter Tourismus. Für jeden Überfluss-Abbau gibt es ein passendes Seminar. Wer zahlt, verzichtet!
Selbst vom Benediktiner Anselm Grün kann man sich mit dem Monatsbrief «einfach leben» durch den komplizierten Alltag begleiten lassen. Das dürfte sich allerdings eher weniger an Menschen richten, die als Working Poor über die Runden kommen müssen.
Nur wohlhabende Menschen können sich Verzicht zur Selbstoptimierung leisten. Wer hungert, wächst nicht an der Fastenzeit. Wer sich kein Smartphone leisten kann, hungert nicht nach Digital Detoxing. Vereinsamte Menschen kriegen wenig Gelegenheit zum Neinsagen.
Was für ein Luxus: Verzichten, um danach die Wohlbehäbigkeit umso nachhaltiger geniessen zu können.
Über Detox im Hotel kann ich mich natürlich leicht lustig machen, denn diesen Luxus kann ich mir eh nicht leisten. Aber so ganz ohne bin auch ich nicht. Bei meiner Züglete letzten Sommer habe ich exzessiv ausgemistet und mich von zwei Dritteln meiner Bücher getrennt. Ich habe losgelassen, als wäre ich Kondōs Meisterschüler. Mann, war ich stolz auf meinen Mut zur Reduktion. Und Mannomann habe ich dabei übersehen, wie viel Geld ich für den nun überflüssigen Besitz einst ausgegeben hatte. Und jetzt? Bin ich wacker daran, neues Verzichtspotenzial aufzuhäufen. Die nächste grosse Geste will geplant sein.