«Als ich hierher kam, lebten zwölf Leute an der Bahnhofstrasse, die katholisch waren. Heute sind es null», erzählt Pfarrer René Berchtold. Weil kaum noch Privatpersonen an der Zürcher Edelmeile wohnen? «Wahrscheinlich». An der Europaallee hingegen, die ebenfalls zum Pfarreigebiet gehört, sind jetzt «die Google-Leute». Da habe er unlängst einen Taufbesuch gemacht. 20 Jahre lebt und arbeitet Pfarrer Berchtold nun im Quartier. Er beobachtet, wie immer weniger Menschen hier wohnen, dafür verdichtet. Und wie das frühere Drogenelend von den Strassen verschwunden ist. Jetzt ist es «hip», findet er.
Beim Blick vom Kirchturm entsteht das Gefühl, mitten im Häusermeer zu wogen. Dicht an dicht kommt die Innenstadt heran: der Glasriegel des Steueramtes, der Zweckbau des Sozialamtes, der den Aussichtspunkt bei den Glocken überragt. Dort die Gewerkschaft Unia, und hier? Ein Kloster der Caritasgemein-schaft – wer hätte das von aussen gedacht?
Hinter der Kirche hat die Pfarrkirchenstiftung einen Neubau mit 24 altersgerechten Wohnungen eröffnet: Wäre Josef Annen gerade zu Hause, er könnte uns von seinem Balkon aus winken. Beim ehemaligen Generalvikar von Zürich ist jetzt allerdings kein Licht. Und dann ist da noch das langjährige Alters- und Pflegeheim der Stiftung, in dem momentan 250 Geflüchtete aus der Ukraine wohnen: Der Vertrag läuft aus und auch hier baut die Kirche neuen Wohnraum. Neu, seit 2023 belebt, auch das Haus der Jugendseelsorge namens «OMG», «Oh my God». Es ist in unmittelbarer Nachbarschaft, ist aber weder vom Eigentumsverhältnis noch von Arbeit und Angebot mit der Pfarrei verbunden. Verbunden hingegen ist Pfarrer Berchtold mit der Zunft Hard, deren Zunfthaus von oben gut sichtbar ist: «Ich nehme das Opfer auf mich», scherzt er.