«Grosszügigkeit habe ich erst auf der Gasse erfahren»

Lilian Senn hat vier Jahre auf der Gasse gelebt. Ganz unten hat sie einen neuen Blick auf die Gesellschaft bekommen.

Während einer Stadtführung auf den Spuren ihrer Obdachlosigkeit: Das Gebüsch bot ihr manche Nacht Unterschlupf.

Grüezi mitenand. Ich heisse Lilian Senn und habe zwei erwachsene Söhne und acht Enkelkinder.» Ihren Zürcher Dialekt hat die 68-Jährige auf ihrem Lebensweg, der sie von Zürich nach Bern und schliesslich nach Basel auf die Gasse führte, nicht verloren.

Mit ihrer roten Surprise-Jacke, die perfekt zu ihrem Lippenstift passt, haben sie die Teilnehmenden der Stadtführung schon von Weitem erkannt. Die an der Jacke angesteckte Uhr mahnt die Stadtführerin, dass sie keine Zeit zu verlieren hat. Ihre Gruppe – heute sind es Juristinnen und Juristen – wird sie nun an einige der Orte führen, die während der vier Jahre auf der Gasse wichtig für sie waren. Etwas erhöht auf einer Treppenstufe erzählt sie ihre Lebensgeschichte: konzentriert, eilig und ohne sich einmal zu verhaspeln.

«Als ich 1957 geboren bin, gab es keine Mutter-Kind-Häuser für minderjährige Mütter. Meine Eltern waren unmündig und unverheiratet. Das war eine Schande für ihre Familien, die aus begütertem Haus kamen. Meine Eltern lebten auf der Strasse und meine Mutter überliess mich nach der Geburt dem Spital. Dort übten werdende Mütter an mir den Umgang mit einem Baby. Ich hatte zu essen, ein Bett und Kleider, aber keine Beziehung zu meinen Eltern. Mein Vater begann zu trinken, verspielte unser Geld im Casino und ein Jahr nach meiner Geburt hat er sich das Leben genommen. Als Halbwaise kam ich zu einer Pflegefamilie auf dem Land, wo ich es sehr gut hatte. Meine Mutter gab mich aber nicht zur Adoption frei und behielt so das Besuchsrecht. Sie kam nie, liess mich aber von Bekannten, Freunden oder den Grosseltern abholen. Mit dreieinhalb Jahren wurde ich während eines Besuchs zum ersten Mal sexuell missbraucht. Das wiederholte sich jedes Mal, wenn ich abgeholt wurde. Dann kam ich weg von meiner Pflegefamilie, zurück zu meiner Mutter, die unterdessen einen Mann geheiratet hatte, der bereits vier Kinder hatte. Aber auch dieser missbrauchte mich, bis ich dreizehneinhalb Jahre alt war.»

Ihre Biografie hat Lilian Senn seziert, analysiert und für Dritte erzählbar gemacht. Sie zu begreifen ist eine andere Sache. Die Teilnehmenden hören gebannt zu, die Miene in einigen Gesichtern friert nicht nur wegen der Winterkälte ein. Verwunderung, Schrecken, Mitleid spiegeln sich in ihnen.

Auf der Gasse leben heisst, gut organisiert sein. Das kommt Lilian Senn auch bei den Stadtführungen zugute.

Rucksackinhalt einer Obdachlosen: von Streichhölzern über Verbandszeug, ein kleiner Wasserkocher, Thermoskanne, Taschenlampe, Ersatzwäsche und so manches mehr.

Lilian Senn zeigt zu einer Tür an der Hinterseite der Matthäuskirche. In deren Untergeschoss befindet sich das «Sonntagszimmer». Einer der ersten Zufluchtsorte, als sie im Jahr 2013 mit zwei Koffern und einem Rucksack auf der Strasse stand. Die Stadtführerin holt ein kleines Heftchen aus ihrer Tasche: Hätte sie diese «Bibel» mit allen wichtigen Adressen von der Gassenküche bis zur Notschlafstelle damals zur Hand gehabt, wäre vieles einfacher gewesen. So war sie auf Hinweise angewiesen, die sie oft von jenen Menschen bekam, für die sie bis dahin vor allem Verachtung übriggehabt hatte.

«Die Gesellschaft gesteht den Menschen keinen Wert zu, wenn sie nicht arbeiten und verdienen. Ich war selbst zu lange Teil dieses engen Systems», sagt Lilian Senn. Dieses System habe sie zu einem verbitterten Menschen ohne Selbstwert gemacht, der von anderen Menschen nichts Gutes mehr erwartete. «In meinem früheren Leben waren die Guten die Ausnahmen. Grosszügigkeit habe ich erst auf der Gasse erfahren.»

Nachdem die Mutter vom Missbrauch ihrer Tochter durch den Stiefvater erfahren hatte, trennte sie sich von ihm. Sie zogen weg und später heiratete die Mutter wieder. Mit 16 Jahren machte Lilian Senn in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit eine Lehre als Floristin und Detailhändlerin, in der sie nach ihrem Abschluss keine Arbeit fand. Darum schloss sie zusätzlich eine kaufmännische Ausbildung ab. Nun kam ihr Leben in geordnete Bahnen. Sie lernte einen Mann kennen, heiratete und bekam zwei Söhne. Der eine hatte körperliche Beeinträchtigungen und brauchte intensive Betreuung. Neben der Betreuung ihrer Kinder arbeitete Lilian Senn in Teilzeit. Als Angestellte erlebte sie zweimal einen Firmenkonkurs und musste sich danach wieder eine neue Arbeit suchen.

Im Jahr 2001, Lilian Senn arbeitete unterdessen Vollzeit im Personalwesen, bildete Lehrlinge aus und kümmerte sich um den beeinträchtigten Sohn, wurde die Belastung für sie zu gross. Sie erlitt ein Burnout. «Anstatt mich behandeln zu lassen, liess ich mich scheiden», sagt Lilian Senn. Sie und ihr Mann hatten sich auseinandergelebt und ihre Beziehung überstand Lilian Senns psychische Krise nicht. Im Rückblick würde Lilian Senn vieles anders machen, sagt sie jetzt – damals habe sie keinen anderen Weg und die Schuld immer bei den anderen gesehen.

Zum ersten Mal stand die damals 44-Jährige auf der Strasse. Die Jahre, die folgten, waren unstet. Sie verbrachte sie bei Freunden da und dort. Verdiente ihr Geld mit Gelegenheitsjobs. Die Fixkosten blieben bestehen, die Einnahmen waren gering und die Schulden häuften sich an. Nach knappen vier Jahren zahlte die Arbeitslosenkasse nicht mehr. Lilian Senn wurde ausgesteuert. Auf keinen Fall wollte sie Geld vom Sozialamt, weil sie wegen der komplizierten Regulierung im Kanton Zürich fürchtete, es niemals wieder zurückzahlen zu können. Darum machte sie in Zürich eine Ausbildung als Buschauffeuse, die sie erfolgreich abschloss. Mit dem Gehalt war sie in der Lage, ihre Schulden zurückzuzahlen. Als sie schliesslich schuldenfrei war, kündigte sie ihre Stelle mit der Absicht, mit ihren reichen Erfahrungen im Umgang mit Armut anderen Menschen zu helfen. Ihr Plan ging nicht auf und bei den Verkehrsbetrieben bekam sie keine Arbeit mehr. Die Schuldenspirale drehte sich wieder. 

Die Gesellschaft gesteht den Menschen keinen Wert zu,
wenn sie nicht arbeiten und verdienen.

Nach einem Jahr ohne Arbeit verlor sie ihre Wohnung. Mit zwei Koffern und einem Rucksack zog Lilian Senn nach Münchenstein zu einer befreundeten Pastorin. Die nächsten Monate tauchte sie dort unter. Nicht einmal ihre Söhne wussten, wo sie war. «Ich war gezwungen, mich mit mir selbst zu beschäftigen, mich meiner Vergangenheit zu stellen», sagt Lilian Senn über diese Zeit. Nach sieben Monaten verliess Lilian Senn die Wohnung ihrer Freundin und lebte von da an auf der Gasse. Die Jahre ohne festen Wohnsitz hätten der Umsetzung dessen gedient, was sie in der Reflexion mit ihrer Freundin erkannt hatte: «Die Gassenzeit war die beste Schulung für mein Leben», sagt Lilian Senn heute. Erst dort habe sie sich angenommen gefühlt und die Werte angenommen, die wirklich wichtig seien: gegenseitign Respekt, Achtung vor dem Leben, Sanftmut und Demut. Sie habe gelernt, in echte Mündigkeit hineinzuwachsen, ohne besserwisserisch und rechthaberisch zu sein.

Lilian Senn führt die Gruppe weiter zum Treffpunkt Glaibasel, keine fünf Gehminuten von der Matthäuskirche entfernt. Er ist in einer in die Jahre gekommenen Dreizimmerwohnung untergebracht. Am einen Tag wird der Treffpunkt zum Coiffeursalon, am anderen zur Arztpraxis oder zur Steuerberatung. Jeden Tag ist er Kantine und für Lilian Senn war er jeweils die zweite Station am Tag. Neu auf der Gasse verbrachte sie die Nächte in Raucherzelten oder durchwanderte sie, um nicht zu erfrieren. «Verstunken ist noch niemand, aber erfroren schon», kommentiert Lilian Senn ihre damalige Situation. Nach einem Monat suchte sie Hilfe bei der Heilsarmee am Wettsteinplatz und bekam schliesslich ein Bett in der Notschlafstelle nebenan. Um sieben Uhr ist dort Tagwache, um acht Uhr müssen alle das Haus verlassen haben. Ihr Frühstück holte sie sich in der nahegelegenen Gassenküche.

Unterdessen ist Hüseyin Haskaya aus dem Keller des Treffpunkt Glaibasel gekommen. Der Jurist und Sozialarbeiter hat dort den Tiefkühler vom Eis befreit. Der Treffpunkt funktioniere nur, wenn sich niemand für die anfallenden Arbeiten zu schade sei, sagt er. Haskaya leitet den Treffpunkt seit über zehn Jahren und nützt die Gelegenheit, ausgiebig von den zahlreichen Angeboten zu erzählen. Lilian Senn unterbricht ihn nicht. Ihre Dankbarkeit diesem Mann gegenüber ist unübersehbar, noch heute hilft er ihr mit den Steuern.

Führt Lilian Senn eine Gruppe mit jungen Menschen, passt sie ihre Inhalte an.

Die Jugendlichen bekommen den Auftrag, eine Schlafstelle auf der Strasse einzurichten.

Im Caritas Secondhand-Kleiderladen erhalten sie Informationen zum Leben mit wenig Geld.

Allerlei Utensilien kommen mit auf den Stadtrundgang, vor allem aber sind es Lilian Senns Erzählungen, die ihren Zuhörenden eine Welt eröffnen: fremd, und doch oft in unmittelbarer Nachbarschaft.

Dankbar war sie damals auch für die Arbeit in der Werkstatt Jobshop: viermal in der Woche vier Stunden Arbeit. Mit den 20 Franken, die sie dort täglich verdiente, konnte sie die Notschlafstelle und die Gassenküche bezahlen. Den Rest sparte sie für Hygieneprodukte oder Ersatzkleider. So sei ihr das Betteln erspart geblieben, umso mehr, als sie keine Sucht habe befriedigen müssen. Im Sommer leistete sie sich ab und zu ein hausgemachtes Glacé und einmal hat sie sich im Caritas-Laden eine Kette gekauft. Lilian Senn achtet auf ihr Äusseres. Auch auf der Gasse habe sie sich Mühe gegeben, dass niemand merkt, dass sie auf der Strasse lebt: reiner Selbstschutz, denn Frauen auf der Gasse werden häufiger Opfer von Gewalt. In ihrem Rucksack hatte sie darum neben ihrem Ausweis und der Niederlassungsbewilligung, der Wasserflasche und der Ersatzwäsche, immer eine Haarbürste und ihren Lippenstift. Auch heute trägt sie ihn wie einen Talisman mit sich.

Lilian Senn führt die Gruppe weiter zur Anlaufstelle «Frauenoase» und an der Frauenwohngruppe «Wegwarte» vorbei zur Claramatte. «Auf der Gasse macht man viele Kilometer zu Fuss», sagt die Stadtführerin, «manchmal waren es bis zu zwanzig». In der Frauenwohngruppe «Wegwarte» konnte Lilian Senn damals nicht wohnen, weil sie keinen Kostenträger hatte, denn auch während ihrer Zeit auf der Gasse in Basel hat sie den Gang zum Sozialamt gescheut. Die Abhängigkeit und die Aussicht, neben den Steuerschulden noch mehr Schulden beim Staat anzuhäufen, haben sie davon abgehalten. Bis heute belaufen sich ihre Steuerschulden auf über 100 000 Franken. Durch Gebühren und wiederholte Betreibungen wuchsen die Schulden an. Nie mehr werde sie schuldenfrei sein, sagt die Rentnerin.

Die Claramatte erreicht die Gruppe in der Dunkelheit. Die Stadtführerin weist auf die ausgelichteten Büsche und die fehlenden Bänke hin. In diesem Park zu übernachten, sei heute nicht mehr möglich. Dafür brauche es Bäume mit hängenden Ästen, die Schutz böten vor Wind, Wetter und neugierigen Blicken.

Nach vier Jahren auf der Gasse war Lilian Senn dort eine Bekanntheit. In den Institutionen half sie mit, wo sie konnte. Auch der Surprise-Stadtführer Heiko Schmitz war auf sie aufmerksam geworden und wollte sie für die Surprise-Führungen anwerben. Die Idee fand Lilian Senn interessant – aber mit dem damals schweren Alkoholiker Schmitz wollte sie nichts zu tun haben. Ein Jahr später, im Winter 2017, sagte sie dennoch zu und begann mit Sybille Roter, die beim Verein Surprise die Stadtrundgänge betreut, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Neben der intensiven Biographiearbeit lief sie bei den anderen Stadtführenden mit und lernte dabei Heiko Schmitz von einer anderen Seite kennen. Sie verliebten sich ineinander und wurden ein Paar. Ihre Liebesgeschichte wurde im Strassenmagazin Surprise publiziert und hatte zur Folge, dass den frisch Verliebten eine Genossenschaftswohnung angeboten wurde. Die Zeit auf der Gasse hatte ein Ende. Am 11. November 2019 heiratete das Paar.

«Kaum hatten wir eine Wohnung und einen Briefkasten, flatterten die Betreibungen ins Haus», erzählt Lilian Senn nicht ohne Bitterkeit. Neben dem grossen Glück ihrer neuen Liebe und der Dankbarkeit, die sie auf der Gasse gelernt hat, bleibt vor allem eines: ihre grosse Ablehnung gegenüber einem Sozialsystem, das aus gestrauchelten Menschen Schuldner macht, die ihre Schulden nie mehr loswerden. Hinter diesem System wirken schlechte Kräfte, sagt Lilian Senn. Die Menschen auf den Stadtführungen darüber zu informieren und so mitzuwirken, dass dieses menschenunwürdige System sich ändere, sei ihr Antrieb, sagt die Stadtführerin, die nun auf der Claramatte ihre letzte Führung des Jahres 2025 beendet. 96 Führungen waren es dieses Jahr. Im Januar ist die nächste Führung schon gebucht.

Seit (über) 100 Jahren Anlass zum Hinschauen

Jedes Jahr Ende Januar macht die Caritas mit der Caritas-Woche auf ein sozialpolitisches Thema aufmerksam. 2026 sind es Schulden und ihre Ursachen.

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Der Caritasverband der Stadt Zürich wurde am 4. März 1926 gegründet. Caritas Zürich realisiert soziale Projekte vor Ort wie die Caritas-Märkte, die KulturLegi oder die Schuldenberatung.

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