Zürich regional

«Grenzen sind gute Orte»

Igor Lukenda, Leiter der Behindertenseelsorge

Wir sind gerade zurück von einer Pilgerfahrt nach Rom: Menschen im Rollstuhl, mit kognitiver Behinderung, blind oder sehbehindert, unser Seelsorge-Team und Freiwillige, ohne die nichts möglich wäre. Eine riesige Herausforderung, die Träume wahr werden liess: Rom, den Papst, die Schweizergarde, deren Waffenkammer erleben – da haben wir sogar die Rollstühle die Treppe runter getragen! Wir konnten Grenzen überwinden, weil wir Grenzen akzeptiert und uns darauf eingestellt haben. Als Jugendlicher erlebte ich Grenzen als etwas Schreckliches. Ich bin in Bosnien-Herzegowina aufgewachsen. Als der Konflikt der hier lebenden Volksgruppen – Bosniaken, Kroaten und Serben – eskalierte, kam es zum Krieg: Kroatien und Serbien wurden involviert. Ich verweigerte den Militärdienst und wurde deswegen in ein Arbeitslager gesteckt, von wo ich mit 18 Jahren ganz allein geflüchtet bin. In Österreich arbeitete ich als Pflegefachmann und studierte später Theologie. Obwohl in der Zwischenzeit meine ganze Familie inklusive aller Verwandten geflüchtet war, bin ich danach bewusst zurück in meine Heimat, wo ich als erster und einziger Laientheologe eng mit dem Bischof zusammenarbeitete. Wir entwickelten das später vom Staat anerkannte Berufsbild «Pflege­assistenz für betagte Menschen» und «Personalassistenz für Menschen mit Behinderung» und haben mehr als 600 Menschen darin ausgebildet. Heute lebe ich mit meiner Familie im grenznahen Österreich und arbeite in Zürich. Grenzen sind gute Orte: Es gibt sie, aber man kann sie überschreiten, so in neue Welten eintauchen, aber auch wieder zurückkommen. Es ist ein Ort der Begegnung. In der Behindertenseelsorge stärken wir das Bewusstsein für Grenzen und die Möglichkeiten, sie zu verschieben.