Die Popbühne als (Anti-)Kirche

Poplegenden provozierten viele Christen. Heute gibt sich die Sängerin Rosalía religiös – und wird gelobt. Was hat sich verändert? 

Die spanische Sängerin Rosalía Ende November 2025: Ein hellblaues Tuch um ihre Oberarme, einen «Heiligenschein» ins Haar gebleicht, gibt sie Autogramme in Buenos Aires.

Wenn sogar der Kulturminister des Vatikans das Album eines Popstars lobt, ist das Wort Wandel für einmal angebracht. Kardinal José Tolentino de Mendonça schwärmte von der spanischen Sängerin Rosalía und ihrem neuen Album «Lux», weil es eine Sehnsucht nach Spiritualität verrate. Tatsächlich spielen religiöse Motive, die Sehnsucht nach mystischer, aber auch körperlicher Liebe eine zentrale Rolle. Was der Kardinal nicht kommentierte: Auf dem Cover steckt Rosalía in einem weissen Kleid einer aspirierenden Nonne. Ihre Arme sind darin wie in einer Zwangsjacke am Körper festgebunden. Trotzdem hat der Geistliche recht. Denn der Star will nicht den Skandal. Rosalía sucht tatsächlich so etwas wie Sinn, Erleuchtung, Liebe – Licht, wie es der Titel «Lux» verrät. Dazu zieht sie nicht eine Amtskirche zu Rate, aber die christliche Mystik. Das ist ein Novum im Pop. Von eher marginalen christlichen Rockbands abgesehen, war das Verhältnis von Kirche und Pop bislang meist zerrüttet.

Zu den vielen Legenden um Elvis Presley gehört, dass er als Junge in einer Schwarzen Pfingstkirche vom heiligen Geist ergriffen worden sei. «He’s been spirited», sagt ein Priester im «Elvis»-Film von Baz Luhrmann, der 2022 das Leben des ersten Pop-Superstars in ausschweifenden Bildern erzählte. Der Zwölfjährige zuckt wild, andere sprechen in Zungen. Verlässliche Elvis-Biografen wie Peter Guralnick wissen zwar nichts von diesem Kirchgang, auch wenn die Familie kurz in einer Gegend wohnte, in der auch viele afroamerikanische Menschen zu Hause waren. Und doch steckt in dieser Filmszene eine tiefe Wahrheit: Wie sich Elvis bald im frühen Massenmedium Fernsehen bewegte, seine Stimme mehr japste und lallte als sang, das sandte nicht nur sexuelle Signale aus, sondern auch ekstatisch-religiöse. 

Elvis Presley auf einer Konzerttournee 1972, die im Film «Elvis on Tour» dokumentiert wurde.

Hier war also ein weisser Schönling, der sich ein bisschen wie ein Schwarzer in der Kirche bewegte oder zumindest so, wie ein weisses Publikum sich das damals vorstellte. Die Ähnlichkeit zu religiösen Ritualen muss den Kirchen in den USA wohl unbewusst aufgefallen sein – aber als Gefahr. In Europa geht manchmal vergessen, dass in den USA parallel zum Aufstieg von Rock ’n’ Roll und Pop auch die politische Einflussnahme des Christentums stark zunahm. Die überwiegende Mehrheit gehörte in den Fünfzigerjahren einer protestantischen Kirche an – Methodisten, Lutheraner, Baptisten –, erst recht im Süden, der noch immer segregiert war. Nicht selten mit diesen Kirchen verbunden waren weisse Suprematisten wie der Ku-Klux-Klan (KKK) mit Kutten, Hüten und mit brennenden Kreuzen. Sie widersetzten sich der Aufhebung der Rassentrennung, die auf Bundesebene bereits beschlossen war. Der KKK bedrohte Schulen, die auch Schwarze zuliessen, zündete Kirchen an, in denen schwarze Menschen feierten, verübte zahlreiche Morde, auch an Kindern. Der Rock ’n’ Roll wurde ebenfalls verachtet, weil er für die Musik jener gehalten wurde, die der KKK verfolgte.

Man kann sich kaum mehr vorstellen, wie akzeptiert es noch in den Sechzigerjahren im US-Fernsehen war, solche rassistischen Ideologien und mörderischen Verhaltensweisen zu verbreiten. Als John Lennon 1966 ohne Kontext aus einem britischen Interview zitiert wurde, die Beatles seien berühmter als Jesus, wurde es in den USA für die Beatles so gefährlich wie noch nie. Ein TV-Reporter konnte seelenruhig einen KKK-Mann in weisser Kutte interviewen, der zur Verbrennung von Beatles-Schallplatten und zu noch mehr aufrief. Dabei hatte Lennon bloss eine nüchterne Feststellung geäussert: Seine Band war vielen Jugendlichen vertrauter als Jesus, und das fanden sogar die Beatles seltsam.

Dieser vordergründig religiös motivierte Backlash war einer der Gründe, warum die Beatles im Spätsommer 1966 entschieden, keine Konzerte mehr zu geben. Bislang hatten Popstars die Kirche nie frontal angegriffen. Ab 1969 flirtete die Band Black Sabbath mit einigen satanistischen Songzeilen und Symbolen. Der Mehrheit der Fans und sicher Sänger Ozzy Osbourne war dabei der karnevalistische Charakter der Musik stets klar. Es ging um die Umkehrung der Verhältnisse auf Zeit, Hardrock war eine Fasnacht: alle mal kurz durchdrehen und Faxen machen. Das ist bis heute so auf einem der beliebtesten Open Airs im deutschsprachigen Raum, dem Heavy-Metal-Festival im deutschen Wacken. Der gehörnte Teufelsgruss auf jedem Bild mit ausgestrecktem kleinem Finger und Zeigefinger ist pure Parodie. Die Metalfans sitzen am Montagmorgen wieder an den Schreibtischen und erscheinen pünktlich im Betrieb, in der Regel besser gelaunt als sonst. 

Viel gelernt daraus haben die christlichen Mahnwächter da noch nicht. Als die Lyrikerin und Sängerin Patti Smith 1975 mit ihrem Debutalbum «Horses» die Rockszene aus dem Stand eroberte, konnte sie nur deshalb einen Skandal auslösen, weil schon wieder niemand richtig zuhörte. Im Intro zu «Gloria» sprechsingt Smith: «Jesus died for somebody’s sins, but not mine» – Jesus starb für jemandes Sünden, aber nicht meine. Das ist weniger gotteslästernd gemeint als vielmehr ein Aufruf zu Selbstwirksamkeit, wie es heute heissen würde. Die religiös aufgewachsene, durchaus bibelfeste Smith meinte damit: Übernimm selbst Verantwortung, delegiere nicht die Schuld. Sie schuf damit eine zentrale Zeile für die Emanzipation der Frauen, nicht gegen den Glauben. 

In den Achtzigerjahren provozierte Pop dann die Kirche durchaus willentlich und aus medienwirksamem Kalkül. Bei Madonna reichte schon ihr Künstlername, denn mit der Jungfrau Maria haben ihre übersexualisierten Images nichts zu tun. Sie trägt ein grosses Kruzifix über dem Mieder, ihre Hits heissen «Like A Virgin» (1984) und «Like A Prayer» (1989), das Album «Erotica» und ihr Bildband «Sex» bringen das zentrale Anliegen 1992 noch einmal auf den Punkt. 

Die amerikanische Pop-Legende Madonna im Jahr 1982. Damals eine provokante Pose.

Dabei ist Madonna keineswegs der einzige Superstar der Achtzigerjahre, der die Kirche nun offensiv mit Sex auf die Palme bringt. Prince singt und stöhnt über wenig anderes, Michael Jacksons berühmteste Geste ist der Griff in den Schritt bei vorrückendem Unterleib, begleitet von einem ekstatischen Geräusch. Die zwei Hauptgründe für diese ähnliche Ästhetik, die den Pfarrer, die Lehrerinnen, die Eltern und die Politik schockierte, haben schon wieder mit dem dominanten Popmarkt USA zu tun. Auch damals bestimmten die Kirchen jeden Wahlkampf mit den Themen Abtreibung und Homosexualität. Sie griffen disziplinierend in den Alltag der Jugend ein, wie man sich das in weiten Teilen Europas heute nicht mehr vorstellen kann. Auf diesen Druck hat der US-Pop entsprechend stark reagiert. Und mit dem Musikfernsehen gab es nun auch ein Medium, das die Lust und den Körper rund um die Uhr in Szene setzen konnte.

Das erscheint heute aus zwei Gründen historisch. Erstens haben junge Feministinnen erkannt, dass es einen Gedanken wert ist, erst gar nicht einem Pornoklischee zu entsprechen, um es dann als Empowerment verkaufen zu müssen. Junge Popstars wie Billie Eilish haben das erstmals vorgemacht: weite Pullis, wenig Haut, sogar einige Pfunde mehr sind endlich okay. Hinzu kommt: Gegenüber wem soll man sich mit sexualisierten Gesten denn noch abgrenzen, wenn Pornografie sowieso frei verfügbar ist? Zweitens ist die Jugend gar nicht mehr in jedem Fall die zentrale Zielgruppe für Pop. Zahlende Fans sind oft viel älter, Pop ist kein Privileg nur der Jugend mehr, auch nicht bei Rosalía. Abgrenzung und Rebellion gegen die Eltern stehen so nicht mehr im Zentrum von Pop. Es gibt also gleich mehrere Gründe, warum im Pop auch andere und sogar erwachsene Themen Platz haben. 

Der 68-jährige Nick Cave ist ein Beispiel für eine Anhängerschaft, die seit gut 40 Jahren mit ihm älter wird, aber seit etwa zehn Jahren jüngere Fans dazugewinnt. Und zwar mit einer erstaunlichen Wende hin zu einer schwer zu definierenden Religiosität. Man bemerkt sie in den Texten und in den Metaphern, die nun weniger von der Strafe und von Gewalt handeln, sondern von Schuld, Vergebung und von einer mystischen Liebe. Der Hintergrund: Cave hat zwei private Tragödien erlebt, er hat zwei Söhne verloren, einen Teenager und einen Erwachsenen. Seine Kunst, über die er mit seinen Fans sehr offen auf einem Blog redet, hat eine existenzielle Dimension erhalten. Es geht jetzt um das Überleben, am besten im Dialog, auch an den Konzerten.

Nick Cave auf der Bühne am Optimus Alive Music Festival 2011 in Portugal.

Verschiedentlich sprechen Fans und Kritiker nun von Gottesdiensten, wenn sie Cave und seine Band «the Bad Seeds» im Konzert gesehen haben. Tatsächlich ist vom forschen Auftreten Caves wenig übrig geblieben. Er schüttelt Hände, gibt das Mikrofon aus der Hand, nimmt ein Bad in der Menge. Es wirkt wie eine Verwandlung eines alttestamentlichen Rockstars zu einem neutestamentlichen Pop-Priester. Cave selbst spricht im Blog «The Red Hand Files» und in Interviews weniger von der Kirche als vom Glauben. Kann sein, dass er damit ein paar seiner alten Fans provoziert. Die meisten gehen beglückt nach Hause – mit Fragen, nicht mit Antworten, die man sich ab der Lebensmitte stärker stellt: Wie gehe ich mit Verlusten um, wie mit Schmerz, kann ich vergeben, kann mir vergeben werden, und wenn ja, von wem?

Es kann kein Zufall sein, dass selbst der alte Cave mit den schwarz gefärbten Haaren und stets im Anzug einen klaren Ahnen hat: Elvis Presley, sogar im Timbre. Rock und Pop hatten schon immer eine Nähe zu religiösen Ritualen, besonders auf den Bühnen. Es hat bloss sehr lange gedauert, bis Pop bereit war, sich das einzugestehen. Die Kirche das auch erkannte. Ob der Kardinal recht hat und Rosalía Teil einer spirituellen, religiösen Wende im Pop ist, wird sich erst an den Konzerten entscheiden.

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