Kommentar

Das Ende des Bevölkerungswachstums

Die Weltbevölkerung wird in diesem Jahrhundert ihren Höchststand erreichen und dann schrumpfen. Auf die Menschheit wartet eine Reifeprüfung.

Manuel Buchmann ist promovierter Ökonom. Als Lehrbeauftragter der Universität Basel und Projektleiter im unabhängigen Kompetenzzentrum Demografik berät er öffentliche und private Organisationen.

Im Sommer 2022, kurz nach der Pandemie und mitten im Ukraine-Krieg, verbreitete die Abteilung für Bevölkerungsfragen der UNO eine Nachricht, die fast unterging: Das Wachstum der Weltbevölkerung wird enden. Kein Krisenalarm, keine Katastrophe – nur eine nüchterne Kurve, die sich abflacht. Und doch kündigt sie das Ende einer Ära an.

Denn seit Jahrhunderten war Wachstum das stille Grundgesetz der Menschheit. Jede Generation zählte mehr Köpfe als die vorherige. Die Weltbevölkerung stieg von einer Milliarde um 1800 auf acht Milliarden im Jahr 2022. Fortschritt bedeutete: mehr Menschen, mehr Städte, mehr Produktion, mehr Leben. Dass diese Kurve einmal kippen könnte, schien undenkbar. Nun wird genau das Realität – in nur wenigen Jahrzehnten.

Laut den Berechnungen der UNO dürfte die Menschheit um das Jahr 2080 ihren zahlenmässigen Höchststand erreichen – rund 10,4 Milliarden. Andere Institutionen und Demografen sind schon früher zu diesem Schluss gekommen und gehen heute davon aus, dass dieser Höchststand – «Peak Humanity» – bereits deutlich früher eintreffen wird. Möglicherweise schon in den 2040er-Jahren – und ohne die 10-Milliarden-Marke je zu erreichen.

Der Grund für den kommenden Bevölkerungsrückgang und die Revision der früheren Prognosen liegt im globalen Rückgang der Geburtenraten. In China hat heute eine Frau im Durchschnitt 1,0 Kinder. Das sind weniger als während der Einkinderpolitik, die ihr Ziel nie erreicht hat. In Südkorea sind es gar nur 0,75, in Deutschland 1,35 und in der Schweiz 1,29. Um eine Bevölkerung langfristig stabil zu halten, ist allerdings eine Geburtenrate von 2,1 notwendig – ein Wert, den die Schweiz seit den 70er Jahren nie mehr erreicht hat. Der einzige Grund dafür, dass die Schweiz weiterhin wächst, ist die Zuwanderung. Der gesamte Globus hat heute noch eine Geburtenrate von 2,2 und wird damit bald unter die Schwelle von 2,1 fallen.

Dass immer weniger Kinder geboren werden, ist nicht etwa eine Folge von Krisen, sondern eine Konsequenz unseres Erfolgs. Bildung, Gesundheit und medizinischer Fortschritt, aber auch eine zuverlässige Altersvorsorge und das selbstbestimmte Leben von Frauen sind die eigentlichen Ursachen des Geburtenrückgangs. Je wohlhabender und gebildeter eine Gesellschaft wird, desto weniger Kinder bringt sie hervor. Das Paradox unserer Zeit: Die Menschheit wird weniger, weil sie es geschafft hat.

Doch die Folgen sind tiefgreifend. Volkswirtschaften basieren auf dem stetigen Wachstum von Arbeitskräften und Konsumenten. Wenn Bevölkerungen schrumpfen und altern, gerät dieses Modell ins Wanken. Soziale Systeme werden teurer, Pflege und Renten zu Dauerproblemen, Migration zur Schlüsselvariable. Und hinter all dem steht eine kulturelle Frage: Was passiert, wenn «Wachstum» nicht länger die Messlatte des Fortschritts ist? Können Gesellschaften lernen, ihr Wohl nicht in Zahlen, sondern in Qualität zu messen?

Das Ende des Wachstums bedeutet nicht zwangsläufig Rückschritt. Eine kleinere Menschheit könnte eine leichtere Last für den Planeten sein, nachhaltiger wirtschaften, gerechter teilen. Aber sie fordert auch ein neues Denken: über Solidarität zwischen Generationen, über Lebensmodelle ohne Kinder. Vielleicht ist das Schrumpfen der Menschheit kein Verlust, sondern ihre Reifeprüfung – der Moment, in dem sie lernt, genug zu sein. Welche Herausforderungen und Chancen das mit sich bringt, werde ich in weiteren Beiträgen im Verlaufe dieses Jahres genauer beleuchten.