Anno Domini

1869/70: I. Vatikanisches Konzil

Das I. Vatikanische Konzil hat die Unfehlbarkeit des Papstes «bei endgültigen Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehren» zum Dogma erhoben. Es ist die bekannteste und bis heute umstrittenste Entscheidung dieses Konzils – aber nicht die folgenreichste. Das neue Dogma war nur ein Teil eines viel grösseren Plans, der mit dem Konzil umgesetzt wurde: Die römisch-katholische Kirche wurde zentralisiert, der Vatikan zur alles entscheidenden Schaltzentrale der Weltkirche. Viele Probleme, die schliesslich sogar von Papst Franziskus als Refor­mstau wahrgenommen wurden, nahmen hier ihren Anfang.

Ganz unmittelbar führte das Konzil zu einer Kirchenspaltung: 1872 wurde in Deutschland, der Schweiz und Österreich die «Altkatholische Kirche» – in der Schweiz «Christkatholische Kirche» genannt – gegründet. Diese lehnte das Unfehlbarkeitsdogma und die radikale Zentralisierung der Kirche ab.

Offiziell wurde das I. Vatikanische Konzil übrigens nie abgeschlossen. In einer Sitzungspause erklärte Frankreich Preussen den Krieg. Es kam zum Deutsch-Französischen Krieg, worauf das Königreich Italien den Kirchenstaat besetzte. Das Konzil wurde deshalb am 20. Oktober 1870 auf unbestimmte Zeit vertagt und schliesslich nicht wieder aufgenommen.