«Wann haben Sie zum letzten Mal ein Samenkorn in die Erde gesteckt? Wissen Sie, woher das Samenkorn kam? Und handelt es sich um ein Samenkorn, aus dessen Pflanze wieder etwas ausgesät werden kann?» Mit diesen Fragen holte Bettina Lichtler von der evangelisch-reformierten Landeskirche Zürich die Anwesenden schnell ins Thema der diesjährigen Ökumenischen Kampagne hinein. An der Impulsveranstaltung Mitte Januar nahmen in Zürich mehr als dreissig Personen teil, um sich mit Saatgut auseinanderzusetzen.
Schnell wurde deutlich, dass Saatgut nicht nur Landwirtinnen und Landwirte etwas angeht, sondern dass vielfältiges Saatgut alle betrifft. Denn Artenvielfalt bedeutet Ernährungssicherheit. Doch gerade diese Vielfalt ist während der vergangenen Jahrzehnte massiv zurückgegangen. Wie gefährlich es sein kann, nur wenige Kulturpflanzen anzubauen, schilderte Simon Weber vom HEKS anhand der Hungersnot in Irland. Im Jahr 1845 starben eine Million Irinnen und Iren an Hunger, da nur zwei Kartoffelsorten anpflanzt wurden, die durch die Kartoffelfäule zunichtegemacht wurden.
Die vier Unternehmen Bayer, Corteva, BASF und die Syngenta Group kontrollierten im Jahr 2020 mehr als 50 Prozent des Saatgutmarktes.
Die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, schätzt, dass seit dem Jahr 1900 rund 75 Prozent allen Saatguts verloren gegangen ist. Verantwortlich dafür ist die zunehmende Privatisierung und Kommerzialisierung des Saatguthandels. Firmen aus der Chemiebranche haben zusehends Saatgutfirmen übernommen, sodass nicht nur Saatgut, sondern auch Pestizide und Herbizide verkauft werden können. Wie aus der Präsentation hervorging, kontrollierten die vier Unternehmen Bayer, Corteva, BASF und die Syngenta Group im Jahr 2020 mehr als 50 Prozent des Saatgutmarktes.
Marianne Bolt
Mit fatalen Folgen für die Lokalbevölkerung. Als Beispiele nannte Simon Weber Guatemala und Kenya. Seit jeher legen Saatguthüterinnen und Saatguthüter jährlich Saatgut beiseite, bewahren, tauschen und verkaufen es. So stellen sie sicher, dass das Saatgut stets an die klimatischen Bedingungen angepasst ist. Wie Annafried Widmer-Kessler von Pro Specie Rara erklärte, verhält es sich anders mit dem Saatgut der Grosskonzerne. Aus den Samen von Pflanzen, die durch sogenanntes «Hybridsaatgut» entstehen, können im Jahr darauf nicht mehr dieselben Pflanzen angepflanzt werden.
An einigen Orten ist selbst der Tausch von traditionell erzeugtem Saatgut verboten.
Der Verkauf von Saatgut auf dem Weltmarkt ist nicht nur zu einer ergiebigen Einnahmequelle herangewachsen, sondern er hat sich auch zu einem Druckmittel entwickelt: An einigen Orten ist inzwischen nicht nur der einheimische Handel, sondern selbst der Tausch von traditionell erzeugtem Saatgut verboten. Eine Tatsache, die bei den Teilnehmenden der Impulsveranstaltung zu Verständnislosigkeit und Empörung geführt hat.
Besonders gross war das Interesse der Anwesenden für eigene Handlungsspielräume. Eine Teilnehmerin meinte, dass im Bankenland Schweiz darauf hingewiesen werden könne, eigene Investitionen zu überdenken. Wurde Geld in Unternehmen investiert, die den Saatgutmarkt dominieren?
Annafried und ihr Mann Martin Widmer-Kessler erklärten, wie Laien zu Hause Saatgut vermehren können. Sie rieten, in Gemeinden «Saatgutbibliotheken» anzulegen; selbst gezüchtete Samenkörner, die sich gegenseitig zur Verfügung gestellt werden. Auch zeigten sie anhand konkreter Beispiele, dass von Pflanzen weit mehr gegessen werden kann, als dies allgemein bekannt ist. So könne beispielsweise das Kraut der Karotten angebraten und gegessen werden, sofern keine Karottenallergie vorliegt. Blanchierte Randenblätter seien mit etwas Öl und Salz hervorragend gut, und das Kraut der Radieschen könne auf Brötchen gegessen werden.
Annafried und Martin Widmer-Kessler: Wir müssen lernen, Nahrungsmittel stromunabhängig zu konservieren.
Marianne Bolt
Widmer-Kesslers Schlussvotum war die Aufforderung, sich die Frage zu stellen, wie Lebensmittel stromunabhängig konserviert werden können. Denn Hunger, so Widmer-Kessler, könne auch hierzulande schnell ein Thema werden. Etwa dann, wenn Lieferketten oder die Stromzufuhr unterbrochen würden. Ebenso riet sie zu einem Artenreichtum des Saatguts. Denn: «Was uns rettet, ist die Vielfalt!»
Marianne Bolt
Ist die Bibel Schuld an der Ausbeutung der Erde?
Im Atelier «Verheissung Gottes und die menschlichen Verantwortung» betrachtete ein Teilnehmer die Textstelle aus der Genesis, wo steht, dass der Mensch die Erde unterwerfen und über die Tiere walten soll (vgl. Gen 1,28), und sagte: «Ich frage mich, wie weit die Interpretation der Bibel Schuld ist an der heutigen Situation.» Atelierleiter Martin Conrad wies anhand dieses Beispiels auf die Gefahr hin, wenn Textstellen aus ihrem Kontext herausgerissen werden. Denn ebenfalls in der Genesis steht, dass der Mensch den Garten Eden erhalten habe, damit er ihn bearbeite und behüte (vgl. Gen 2,15). Conrad betonte: «Ich kenne keine Texte, die sagen, ‚beute die Erde aus‘.» Zwei weitere Ateliers widmeten sich der Ökumenischen Kampagne im Religionsunterricht, zudem erzählte Annafried Widmer-Kessler zwei Geschichten - passend zu Samenkörnern.
Die Ökumenische Kampagne wird während der Fastenzeit von Fastenaktion und HEKS durchgeführt. Die diesjährige Kampagne ist die zweite im Zyklus «Hunger frisst Zukunft». Weitere Informationen und Unterlagen: www.sehen-und-handeln.ch