Mit welchen Gefühlen sind Sie in Ihre neue Aufgabe gestartet – angesichts der aktuellen Weltlage, in der Gewalt und Verfolgung salonfähig werden?
Ich habe diese Aufgabe mit grosser Dankbarkeit begonnen. Denn «Kirche in Not» nimmt sich seit jeher ganz konkret der Menschen an, die verfolgt werden, Diskriminierung oder Gewalt erleiden. Das finde ich sehr wichtig. Bei «Kirche in Not» freut mich zudem die enge Verbindung zwischen Diakonie, also sozialem Einsatz für die Menschen, und Frömmigkeit oder Spiritualität.
Was waren ihre ersten Handlungen als Präsident von Kirche in Not?
Ich wollte im Dezember in Königstein, der internationalen Zentrale des Hilfswerks, die Mitarbeitenden besuchen. Leider hat mir die Lufthansa einen Strich durch die Rechnung gemacht, weil sie den Flug gestrichen hat! Stattdessen sind nun Frau Regina Lynch, die geschäftsführende Präsidentin des Hilfswerks, und der geistliche Assistent Pater Anton Lässer CP anfangs Jahr zu mir nach Rom gekommen, wo wir das Wichtigste besprochen haben. Im Februar gehe ich nach Königstein, wenn die Lufthansa mich fliegen lässt!
Oft werden Christinnen und Christen in Ländern mit islamistischen Regimes verfolgt oder diskriminiert. Deshalb sind hierzulande einige gegenüber Menschen muslimischen Glaubens skeptisch bis zurückweisend.
In allen Religionsgemeinschaften stehen einzelne in der Versuchung, extremistisch zu werden. Auch im Christentum gibt es Leute, die Gewalt gut heißen. Papst Leo hat in seiner Neujahrsbotschaft zum Friedenstag den starken Ausdruck der Blasphemie dafür gebraucht. Es gibt auch in Jerusalem Extremisten, die beispielsweise einen katholischen Pater bespucken. Wir dürfen die Extremisten nicht mit der Religion identifizieren, sondern müssen klar sagen, es gibt den sinnvollen Gebrauch der Religion und den schrecklichen Missbrauch der Religion. Das muss man kategorisch unterscheiden, auch beim Islam.
Haben Sie Kontakte zu christlichen Gemeinschaften, die sich Richtung Extremismus bewegen?
Ja, solche Gruppierungen gibt es, aber darüber kann ich nicht reden, um niemanden zu gefährden.
Was können westliche Länder im Hinblick auf Christenverfolgung tun?
Zunächst muss die Tatsache der Christenverfolgung stärker ins Bewusstsein kommen. Etwa 80 Prozent aller Menschen, die aus Glaubensgründen verfolgt werden, sind Christen. Das ist hierzulande zu wenig bewusst. Wir reden oft über Antisemitismus, und das ist richtig, denn das ist eine schreckliche Geisel. Aber wir müssen beides sehen. Ich bin dem Präsidenten des jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, sehr dankbar, dass er immer wieder auch die Christen benennt, die verfolgt werden. Die katholische Kirche bekämpft den Antisemitismus und ist kategorisch dagegen. Es ist schön, wenn Repräsentanten anderer Religionsgemeinschaften darauf hinweisen, dass es auch eine Christenverfolgung gibt.
Wir brauchen eine neue Offenheit für die Religion in der Öffentlichkeit.
Ein zweiter wichtiger Punkt: Wir brauchen eine neue Offenheit für die Religion in der Öffentlichkeit. In unseren westlichen Gesellschaften wird die Religion gerne als Privatsache bezeichnet und wird deshalb nicht gerne öffentlich sichtbar gemacht. Doch eine Gesellschaft, die die Religion aus ihrer Öffentlichkeit verdrängt, ist interreligiös nicht dialogfähig. Ich kenne Muslime, die ihre Kinder in den katholischen Religionsunterricht geben. Für sie ist nicht das Christentum das Problem, sondern die Religionslosigkeit der öffentlichen Welt.
Wenn ein Kreuz aus einem öffentlichen Gebäude entfernt wird, argumentiert man aber meist mit dem interreligiösen Frieden, den man damit nicht stören will.
Unsere Gesellschaft ist doch voll von Zeichen. Die Feuerwehr, die Polizei, die Post und so weiter. Das ist alles kein Problem. Nur die religiösen Zeichen sind ein Problem. Und das weist doch darauf hin, dass die Gesellschaft ein gebrochenes Verhältnis zur Religion hat. Wir haben auch viele verschiedene politische Parteien in der Schweiz. Jede darf sich zeigen mit ihrem Logo und argumentieren. Niemand kommt zum Schluss, dass man diese Vielfalt nicht sehen sollte. Warum ist es bei den Religionen anders?
Das bedeutet aber, dass in der Öffentlichkeit Zeichen von allen Religionen sichtbar sein sollten.
Natürlich. So wie ein Kirchturm sichtbar ist, sollte auch eine Moschee mit Minarett sichtbar sein dürfen. Wir können nicht ehrlich für die Glaubensfreiheit unserer eigenen Glaubensgeschwister in anderen Ländern eintreten, und dafür, dass das Christentum dort, wo es lebt, auch sichtbar sein darf, wenn wir dasselbe nicht bei uns auch tun gegenüber anderen Religionen. Sonst werden wir unglaubwürdig.
Früher wurden des Missbrauchs verdächtigte Priester manchmal versetzt, möglichst weit weg, z.B. nach Afrika. «Kirche in Not» unterstützt ja bedürftige Priester mit Messstipendien. Wie wird sichergestellt, dass nicht Missbrauchs-Täter unterstützt werden?
Ich hoffe und engagiere mich dafür, dass es dieses Versetzen von Missbrauchstätern überhaupt nicht mehr gibt. Missbräuche müssen kategorisch aufgeklärt und die Konsequenzen gezogen werden. Bei «Kirche in Not» ist es vor allem die Aufgabe der lokalen Sitze des Hilfswerks und der Ortsbischöfe, zu schauen, ob die Priester legitim in ihrem Amt sind oder ob ein Missbrauch vorhanden ist. Dann darf man sie nicht unterstützen, das ist klar.
Was können wir von Menschen lernen, die wegen ihres Glaubens benachteiligt sind?
Diese Menschen sind sich sehr bewusst, was für ein kostbarer Schatz der Glaube ist. Bei uns ist der Grundwasserspiegel des Glaubens relativ tief gesunken. Den wieder neu zu heben, uns von der Schönheit und Wahrheit des Glaubens neu überzeugen, das können wir lernen in der Begegnung mit Menschen, die aus Regionen kommen, wo sie des Glaubens wegen benachteiligt sind. «Kirche in Not» lädt ja immer wieder Personen aus verfolgten Gemeinschaften ein und ermöglicht direkte Begegnungen. Es ist ein lernpsychologisches Grundgesetz, dass Informationen allein kaum Veränderungen bewirken. Es braucht konkrete Emotionen in der Begegnung mit anderen Menschen.
Wie wird Unterstützung von Missbrauchstätern verhindert?
Das Forum hat bei «Kirche in Not» nachgefragt. Hier die Antwort des geistlichen Assistenten Pater Anton Lässer im Wortlaut:
Unsere Messintentionen werden in der Regel nur an Bischöfe/Diözesen oder an höhere Obere (Provinziale) gegeben, die sie dann an die einzelnen Priester weitergeben. Sie legen uns Listen Ihrer Priester vor. Bei gregorianischen Messen müssen sie je einzeln Rechenschaft über Beginn und Abschluss der Messreihe geben.
Für alle unsere Projekte gilt: Eine Unterstützung wird nur dann gewährt, wenn die Projektpartner schriftlich bestätigen, dass sie alle Safeguarding-Vorgaben des Heiligen Stuhles beachten.
Kirche in Not unterstützt und finanziert seit vielen Jahren Ausbildungsprogramme für Safeguarding in der ganzen Welt, sei es auf universiärer Ebene sei es auf diözesaner Ebene.
In die Bearbeitung einzelner Missbrauchsfälle und der sie betreffenden gerichtlichen und disziplinarischen Maßnahmen sind wir nicht einbezogen.
Kirche in Not ermöglicht regelmässig Begegnungen mit Menschen aus Regionen, wo das Christentum verdrängt, verfolgt oder diskriminiert wird.