Ein freier Tag für alle

Die Philosophin Florence Quinche leitet die Fachstelle für Ethik und Gesellschaft der Schweizer Bischofskonferenz und plädiert für die Einhaltung der Sonntagsruhe. Nicht zuletzt wegen des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Schatten von Menschen, die sich ausruhen an eine Hauswand geworfen.
Einfach mal nichts tun. Dafür bietet sich der Sonntag an.

Was ist das Besondere am Sonntag?

Er ist der einzige Tag, an dem alle frei haben. Dieser Tag bietet die Möglichkeit, andere Menschen zu treffen: Familienmitglieder, Freunde. Ganz wichtig ist auch, dass wir an diesem Tag gesellschaftliche Grenzen überwinden können. Nehmen Sie zum Beispiel einen Chor oder einen Gottesdienstbesuch oder eine Aktivität in einem Quartierverein; an diesen Orten treffen wir auf Menschen, mit denen wir sonst in unserem Alltag nicht viel zu tun hätten. Während der Woche sind wir immer mit irgendetwas beschäftigt, das wir tun müssen. Am Sonntag können wir frei wählen, was wir tun wollen. Es geht hier also auch um Freiheit. Psychologisch ist es wichtig, über eine Zeit frei verfügen zu können.

Eine Standesinitiative aus Zürich will die Ladenöffnungszeiten am Sonntag ausweiten von heute vier auf zwölf Sonntage. Die Gesellschaft habe ein wachsendes Bedürfnis, zeitlich flexibel einkaufen zu können. Wann ist es geboten, auf ein gesellschaftliches Bedürfnis einzugehen?

Wenn die Läden öfter am Sonntag offen sind, müssen die Verkäuferinnen und Verkäufer öfter am Sonntag arbeiten. Diese Menschen sind auch Mütter und Väter und können dann den freien Tag nicht mit ihrer Familie verbringen. So sind nicht nur sie betroffen von der Sonntagsarbeit, sondern auch ihre Kinder. Menschen, die im Detailhandel arbeiten, haben eher niedrige Löhne, oft arbeiten sie in Teilzeit und haben vielleicht mehrere Arbeitsstellen, auf die sie angewiesen sind. Wir sollten diese Menschen schützen vor problematischen Arbeitsbedingungen: Ihre Arbeitsqualität darf uns nicht egal sein. Es geht nicht nur um das Konsumbedürfnis einer Gruppe. Aus christlicher Sicht müssen wir auch an unsere Nächsten denken.

Die parlamentarische Initiative «Mehr Gestaltungsfreiheit bei Arbeit im Homeoffice» will die Bewilligungspflicht für Homeoffice am Sonntag abschaffen. Was bedeutet das für den Sonntag?

Das ist ein grosses Problem. Wenn wir zu Hause immer arbeiten können, dann verschwindet die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben. Ausserdem ist die Arbeit im Homeoffice unsichtbar und schlecht kontrollierbar. Eine Studie der Universität Bern hat gezeigt, dass Sonntagsarbeit und Arbeit am Abend viele gesundheitlichen Konsequenzen zur Folge haben. Zu wenig Pausen schaden der Gesundheit.

Die Sonntagsarbeit betrifft nicht nur den Detailhandel, es gibt viele Berufsgruppen, die am Sonntag arbeiten müssen.

Auch im Tourismus oder im Gastgewerbe arbeiten neben den Bereichen Gesundheit, Sicherheit, Verkehr, Medien, Kultur viele Menschen am Sonntag. Die Wirtschaft versucht seit Jahren die Arbeit auf den Sonntag auszuweiten. Vor rund zehn Jahren wurden die Öffnungszeiten der Läden in den Bahnhöfen liberalisiert. Mit kleinen, aber beständigen Schritten versucht die Wirtschaft, diese Entwicklung voranzutreiben.

Führt diese Liberalisierung zu mehr Umsatz?

Das ist nicht erwiesen. Der Konsum erstreckt sich vermutlich einfach über mehr Tage. Die Menschen haben ja nicht plötzlich mehr Geld zur Verfügung.

Bis jetzt sind vier Sonntagsverkäufe erlaubt. Die Initiative will die Verkäufe auf zwölf Sonntage ausdehnen. Lehnen Sie die Sonntagsverkäufe grundsätzlich ab, oder ist das eine Frage des Masses?

Anfänglich waren die Sonntagsverkäufe in der Weihnachtszeit. Hier kann ich nachvollziehen, dass es vielleicht mehr Zeit braucht, um die Einkäufe zu machen. In einer Gesellschaft muss man Kompromisse machen. Vier Sonntagsverkäufe sind ein Kompromiss, besser wären keine Verkäufe.

Welche Werte stehen hinter einem freien Sonntag?

Das menschliche Leben hat viele Dimensionen. Die Arbeit ist nur eine davon. Menschen wollen in der Natur sein, Sport treiben oder Kultur schaffen, sie wollen ihre Familien sehen oder mit Freunden zusammen sein. Das braucht alles seine Zeit.

Die Initianten argumentieren mit der Freiheit, dann einzukaufen, wenn man möchte. Was hat es mit dieser Freiheit auf sich?

Die Freiheit, jederzeit einkaufen zu können, geht auf Kosten der Freiheit der Menschen, die dann arbeiten müssen. Wir haben in der Gesellschaft als Ganzes dadurch also nicht mehr Freiheit. Ausserdem wird so das Gefälle grösser zwischen den Menschen mit viel und wenig Geld. Es ist ein Grundannahme in unserer Gesellschaft, dass Geld Freiheit schenkt. Freiheit müssen wir jedoch in anderen Bezügen denken. Wenn Geld keine Rolle spielt, etwa in der ehrenamtlichen Arbeit, dann gibt es auch kein Gefälle zwischen den Menschen. Das wäre einer der Vorteile einer konsumfreien Zeit, der ebenfalls den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt.

Doch unsere Freizeit ist ebenfalls dominiert von kommerziellen Angeboten. Die Oper, das Theater, das Hallenbad, der Fussballmatch kosten Geld.

Daneben gibt es aber auch Quartierzentren mit kostenlosen Angeboten: Gemeinsam wandern, kochen, spielen, singen, ohne dass es etwas kostet.

Unsere Gesellschaft ist divers. Es gibt verschiedene religiöse Zugehörigkeiten mit verschiedenen Gebetszeiten. Macht es Sinn am Sonntag festzuhalten?

Wichtig ist, dass es einen gemeinsamen freien Tag gibt. Der Sonntag ist hier uns der freie Tag, weil wir in einem christlich geprägten Land leben, und Christinnen und Christen die grösste religiöse Gruppe sind.

In Ihrer Stellungnahme zur Initiative argumentieren Sie auch mit dem Recht zur Religionsausübung. Der Kirchgang am Sonntag nimmt in der Schweiz jedoch immer mehr ab. Die Religionsausübung ist nicht das stärkste Argument gegen die Liberalisierung der Sonntagsarbeit.

Dennoch ist es wichtig, immer die Freiheit zu haben, seine Religion auszuüben. Ich würde sogar argumentieren, dass wir allen religiösen Gemeinschaften die Freiheit geben sollten, ihre Religion zu ihrer Zeit auszuüben. Für mich sind das zwei verschiedene Argumente: Einerseits geht es um einen gemeinsamen freien Tag für alle und den gesellschaftlichen Zusammenhalt, und andererseits um die Möglichkeit seine Religion auszuüben.

Im Jahr 321 n. Chr. wurde der Sonntag zum allgemeinen Ruhetag im Römischen Reich basierend auf dem dritten Gebot. Welches waren damals die Gründe zur Einführung?

Zu dieser Zeit haben sich Christinnen und Christen vor Sonnenaufgang zum Gottesdienst vor der Arbeit getroffen. Das war anstrengend. Mit der Einführung des Sonntags konnten sie sich einmal in Ruhe während des Tages treffen. Ausserdem hatte dies den Nebeneffekt, dass die Religionsausübung öffentlich und damit sichtbar wurde. So kam das Christentum ans Tageslicht. Auch damals war die Idee, dass ein gemeinsamer Tag mit gemeinsamen Ritualen im ganzen römischen Reich einen einigenden Effekt haben würden. Diese Vorstellung des gesellschaftlichen Zusammenhalts durch den Sonntag gab es also von Anfang an.

Menschen flanieren am Vierwaldstättersee

Der Vorteil von konsumfreier Zeit ist, dass sich das Gefälle zwischen Menschen mit viel und wenig Geld verringert. Das stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die Dienststelle Vox Ethica «Ethik und Gesellschaft» hat gemeinsam mit der Sonntagsallianz das Argumentarium «Zur Verteidigung des Rechts auf sonntägliche Ruhezeit» erarbeitet.​ Die Dienststelle erarbeitet Grundlagen und Informationen zu ethischen Fragestellungen der Gesellschaft aus christlicher Sicht. Ausserdem vernetzt sie sich national und international in Bezug auf sozial-, bio- und umweltethische Fragen. Die Kommissionen «Bioethik» und «Justitia et Pax» der Schweizer Bischofskonferenz bilden einen Teil dieser Dienststelle und leisten als Expertengremien ihren Beitrag.​Die Schweizer Bischofskonferenz (SBK), die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) und Fastenaktion sind die Trägerorganisationen der Dienststelle «Ethik und Gesellschaft». Sie befindet sich in den Räumen des Generalsekretariats der SBK in Fribourg.