Wo vor fünfhundert Jahren Reformierte und Katholiken über den rechten Glauben debattierten, sprechen bis im nächsten Mai Schweizer Persönlichkeiten über Frieden, Hoffnung, Zukunft und Liebe. Im Vorfeld zum offiziellen Festakt «500 Jahre Badener Disputation», der für den 31. Mai 2026 geplant ist, finden in Baden im Vierzehntage-Rhythmus Gespräche mit bekannten Schweizer Persönlichkeiten zu den grossen Leitthemen Frieden, Hoffnung, Zukunft und Liebe statt. Bei den ersten fünf Ausgaben der Gesprächsreihe «DispuTALK» waren Altbundesrätin Doris Leuthard, die reformierte Zürcher Kirchenratspräsidentin Esther Straub sowie der reformierte Aargauer Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg und der Theologe und Publizist Urs Meier zu Gast.
Doris Leuthard im Gespräch mit Hans Strub in der Sebastianskapelle Baden.
Marie-Christine Andres Schürch
In ihrer Abschiedsrede vor der vereinigten Bundesversammlung warnte die abtretende Bundesrätin Doris Leuthard vor sieben Jahren davor, dass regelbasierte Abmachungen an Gewicht verlören und die Machtpolitik an Raum gewinne. Die Schweiz müsse ihre Interessen international einbringen und die Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Staaten suchen, betonte sie damals. Die heutige Weltlage bestätigt diese Einschätzung: «Die Schweiz ist auf den Schutz durch Regelungen angewiesen. Wenn nicht mehr klar ist, was gilt, ist das für ein kleines Land sehr schwierig. Das bedeutet Unsicherheit. Ich mache mir durchaus Sorgen», sagte Doris Leuthard beim ersten «DispuTALK» in Baden. Die Schweiz müsse aktiv in die andere Richtung steuern. Leuthard erklärte, dass sie sich dabei eine aktivere Rolle des Bundesrates wünsche: «Es würde den Menschen im Land helfen, wenn der Bundesrat Stellung nähme zum Weltgeschehen, Ereignisse mit klaren Worten einordnen, Probleme benennen und mögliche Lösungen zur Diskussion stellen würde – wir müssen diskutieren, ‹disputare›, wie anno dazumal.»
Die ehemalige Bundesrätin gilt als begnadete Kommunikatorin, und rief im Gespräch mit Hans Strub, dem Moderator der Gespräche, dazu auf, mehr miteinander zu sprechen. «Oft sind die Meinungen schon gemacht, das ist schade. Wir sollten versuchen, gemeinsam weiterzukommen. Vielleicht hat mein Gesprächspartner gute Argumente. Es geht nicht darum, die eigene Meinung zu hundert Prozent durchzusetzen, sondern sich zusammenzuraufen.» Für die eigenen Werte und die eigene Sicherheit einzustehen, sei in der jetzigen Lage wichtig, betonte Leuthard. «Die Situation in Europa ist so gefährlich wie schon lange nicht mehr. In der Schweiz scheint man das nicht wahrzunehmen. Ich möchte nicht Angst machen, aber wir müssen uns gut überlegen, wie wir uns sicherheitspolitisch aufstellen. Die Weltlage wird uns noch länger beschäftigen. Es ist wichtig, dass das Thema Sicherheit wieder auf der Agenda steht.»
Im nächsten «DispuTALK» am Freitag, 16. Januar um 18.30 Uhr spricht Hans Strub mit Rita Famos, Präsidentin Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz in Baden in der Sebastianskapelle.
Die reformierte Zürcher Kirchenratspräsidentin Esther Straub politisierte als Pfarrerin zuerst im Zürcher Gemeinderat und schliesslich im Kantonsrat. «Was hat die Kirche in der Politik zu suchen?», fragte Hans Strub seine ehemalige Pfarrkollegin provokativ. Esther Straub konterte, sie habe als Politikerin nie theologisch argumentiert. Verschiedene Berufs- und Interessengruppen seien im Parlament vertreten. «Es wäre eigenartig, wenn sich ausgerechnet kirchlich engagierte Menschen von der Politik fernhalten müssten», sagte die Kirchenrätin. Diese sollten sich mit ihrer Expertise in die Politik einmischen, dazu gehöre etwa das Engagement der Vertreterinnen kirchlicher Hilfswerke. Die Unterstützung für die Konzernverantwortungsinitiative, die oft als Beispiel der Verstrickung von Kirche und Politik angeführt werde, sei eine Unterstützung im Wirkungsfeld der kirchlichen Hilfswerke. Ausserdem schliesse die Kirche niemanden aus, der nicht für die Konzernverantwortungsinitiative gestimmt habe, sagte die Kirchenrätin. Esther Straub erzählte, dass sie dieser Tage vor allem die Frage beschäftige, wie sich die Kirchen für den Frieden engagieren können, um so den vielen Konflikten weltweit etwas entgegenzusetzen. Die Evangelische Kirche in Deutschland habe am 10. November eine Position zur Friedensethik vorgelegt. Im Kanton Zürich gebe es eine Petition aus der Zivilgesellschaft an die Kirche, das Jubiläum des Kappeler Landfriedens 2029 zu feiern. Die Kirchenrätin meinte, sie begrüsse es, wenn in diesen kriegerischen Zeiten der Frieden gefeiert werde, statt weitere Kriegsdenkmäler aufzustellen.
Frieden kann auch ein fair ausgetragener Streit auf gemeinsamer Basis sein.
Der reformierte Aargauer Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg steht vor seinem letzten Jahr als Kirchenratspräsident der reformierten Kirche im Aargau. Seit 2012 im Amt, hat er die Kirche im Aargau in den vergangenen Jahren mitgestaltet und die Entwicklung der Kirche insgesamt intensiv verfolgt. Deshalb überraschte ihn die Zahl nicht, die Hans Strub ihm vorlegte: Nur noch 25 Prozent der Kinder würden getauft, erklärte der Gesprächsleiter und schloss die Frage an: «Ist die Landeskirche ein Auslaufmodell?». Weil alle Indikatoren nach unten zeigten, sei die Volkskirche im Sinne einer Kirche der breiten Bevölkerung wahrscheinlich tatsächlich ein Auslaufmodell, antwortete Christoph Weber-Berg. «Aber wenn wir jetzt jammern, weil wir weniger werden, sind wir nicht attraktiv für unser Umfeld. Ich bin überzeugt, unsere Kirche ist kein Auslaufmodell, sie ist ein Zukunftsmodell.» Auch wenn die Zahl der Menschen, die im Aargau Mitglied einer Landeskirche sind, auf einen Viertel schrumpfen würde, wären wir – bei allen finanziellen und organisatorischen Schwierigkeiten, die das mit sich bringt – für eine Organisation noch immer gross. Wenn wir Einfluss haben wollen, dann können wir das.» Zündstoff birgt das Verhältnis von Kirche und Politik, weiss Christoph Weber-Berg. Er erinnerte an das Engagement der Kirchen für die Konzernverantwortungsinitiative und sagte: «Als Kirchenratspräsident finde ich, dass die Kirchen keine Transparente an Kirchtürme hängen sollten, sondern einen Saal mit Menschen füllen, die das Thema unterschiedlich sehen und zusammen diskutieren.» Hier habe die Kirche eine wichtige Vorbildfunktion: «Reformiert sein heisst, es gibt kein Lehramt, sondern man diskutiert über die Glaubenswahrheit. Wir streiten auf dem gleichen Fundament.» Dass der Frieden, auch in Europa, heute wieder bedroht sei, beschäftige ihn, sagte Christoph Weber-Berg. Jedoch bedeute auch Frieden nicht, dass alles in Harmonie verlaufe. «Frieden kann auch ein fair ausgetragener Streit auf gemeinsamer Basis sein. Die Badener Disputation kann man als Versuch sehen, sich zu einigen – was nicht gelang. Aber man könnte sagen, sie sagten damals ‹we agree to disagree›.»
Weitere Berichte über die «DispuTALKS» im Lichtblick, dem Pfarrblatt Nordostschweiz.
Die Badener Disputation im Jahr 1526 war ein historischer Meilenstein für den Dialog zwischen den Konfessionen in der Schweiz. Die Gespräche über die theologischen Wahrheiten und Glaubensgrundlagen fanden während drei Wochen im Mai und Juni 1526 in der Badener Stadtkirche statt, Teilnehmer waren Vertreter der dreizehn Alten Orte der Eidgenossenschaft sowie Theologen aus dem In- und Ausland. Zur 500-Jahr-Feier der Badener Disputation organisieren die Reformierte Kirche Baden plus und die Katholische Kirchgemeinde Baden-Ennetbaden ein umfangreiches Jubiläumsprogramm unter dem Titel «Disput(N)ation». Das Projekt will Geschichte lebendig machen, den Dialog in der Gesellschaft stärken und verschiedenste Menschen einbinden.