«Es gibt wenig Hoffnung auf einen politischen Wandel»

Viele Venezolanerinnen und Venezolaner haben die Festnahme von Präsident Nicolás Maduro gefeiert. Inzwischen kehrt Ernüchterung ein, denn wenig spricht für einen demokratischen Wandel, wie Rafael Filliger von Caritas Schweiz sagt.

Flüchtlingsunterkunft für Venezolaner in Kolumbien
Viele Menschen aus Venezuela fliehen nach Kolumbien und leben auch dort unter prekären Bedingungen, wie hier in Maicao. Aufnahme vom September 2024.

Rafael Filliger, Caritas Schweiz steht in engem Kontakt mit Partnerorganisationen in Venezuela. Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung nach der Festnahme von Präsident Nicolás Maduro?
Nach dem Sturz von Maduro war die Erwartungshaltung in der Bevölkerung gross. Viele meiner Bekannten in Venezuela waren gegen Maduro. Nicht unbedingt aus politischer Überzeugung, sondern weil das Land unter seiner Führung komplett heruntergewirtschaftet wurde. Entsprechend gross war der Wunsch nach Veränderung. Daher befürworteten viele auch die Präsenz der US-amerikanischen Marine vor Venezuela. Man war überzeugt, dass sich ohne Druck von aussen nichts ändern würde.

In der internationalen Diskussion wird die US-amerikanische Militäraktion als Bruch des Völkerrechts kritisiert. Wie beurteilt das die venezolanische Bevölkerung?
Viele nahmen diese Intervention in Kauf oder begrüssten sie. Sie sahen, dass das internationale Recht über die Jahre hinweg keine Veränderungen bewirken konnte, und setzten ihre Hoffnung daher auf eine autoritäre Figur wie Donald Trump. Nach der Bombardierung von Caracas schrieb mir ein venezolanischer Bekannter: «Was da passiert, gefällt Gott.» Viele betrachten die USA als den einzigen Hoffnungsträger.

«Die alte Regierungsspitze ist nach wie vor an der Macht.»

Mit Delcy Rodriguez hat Venezuela nun eine Interimspräsidentin. Wie wird ihre Ernennung eingeschätzt?
Ich habe den Eindruck, dass sich damit eine gewisse Ernüchterung in der Bevölkerung breit gemacht hat. Delcy Rodríguez gilt als harte Verfechterin von Madurós Politik. Sie ist bekannt als eine gewiefte Politikerin, aber sie steht für die alte Regierung und nicht für einen echten Neuanfang. Auch andere Schlüsselpersonen der alten Regierung bleiben im Amt. Mit anderen Worten: Die alte Regierungsspitze ist nach wie vor an der Macht. Allmählich wird den Menschen bewusst, dass das keine guten Voraussetzungen für einen Wandel sind.

Die venezolanische Wirtschaft steckt seit Jahren in einer Krise. Wieso?
Ein Hauptgrund ist, dass wichtige Leitungsfunktionen nicht mit den fähigsten, sondern vor allem mit regierungstreuen Leuten besetzt wurden. Das führte zu Misswirtschaft und Armut. Ein Beispiel ist die nationale Ölkompanie, die heute nur noch einen Bruchteil dessen produziert, wozu sie in der Lage wäre. Zusätzlich gab es eine extreme Inflation, die zum Beispiel Lehrpersonen dazu zwang, nebenbei Taxi zu fahren, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Auf der anderen Seite gibt es eine kleine, sehr reiche Elite, die von der Krise nicht betroffen ist und in Luxus lebt.

Caritas Schweiz arbeitet eng mit lokalen Partnerorganisationen zusammen. Welche Hilfe leisten Sie vor Ort?
Wir sind vor allem in ländlichen Regionen aktiv, wo Unterernährung sehr verbreitet ist. Dort arbeiten wir mit Freiwilligen zusammen, um vor allem junge Mütter und ihre Kinder zu unterstützen. Wir versorgen sie mit medizinischer Hilfe, Essenspaketen und Ernährungszusätzen für Kleinkinder. Unsere Partnerorganisationen gehören zu den Wenigen, die von der Regierung respektiert werden, weil die katholische Kirche noch Gewicht hat.

«Der Angriff war eine reine Machtdemonstration von Donald Trump.»

Wie sehen Sie die Zukunft von Venezuela?
Ich bin pessimistisch. Die US-amerikanische Intervention ist meiner Meinung nach eine reine Machtdemonstration von Donald Trump und kein Schritt zu mehr Demokratie im Land. Trump hat seine Interessen, insbesondere im Öl- und Goldhandel, im Blick, aber er hat keinerlei Interesse daran, Venezuela zu einer funktionierenden Demokratie zu führen. Die USA können nun das Militär abziehen und sich als Sieger feiern lassen, aber einen echten politischen Wandel sehe ich nicht.  

Dieser Beitrag ist zuerst in ref.ch erschienen

Porträt Rafael Filliger

Zur Person

Rafael Filliger ist seit vier Jahren bei Caritas Schweiz für das humanitäre Programm der Venezuelakrise zuständig. Er hat einen Master in Wirtschafts- uns Sozialwissenschaften sowie mehrere Jahre Berufserfahrung im Bereich der Humanitären Hilfe. Filliger hat zehn Jahre in der Region der Grossen Seen (Ostkongo, Burundi) gelebt und gearbeitet.