Welche seelischen Folgen hat solch eine Katastrophe?
Es ist ein Schicksalsschlag, der auf eine ganze Nation zukommt, und weit darüber hinaus. Alle sind betroffen. Die grosse Anzahl an Verletzten und an Toten macht einen Unterschied, es ist aber auch das junge Alter, das uns wachrüttelt. Allerdings weiss ich nicht, wie lange die Betroffenheit anhalten wird. Ganz anders ist es bei den direkt Betroffenen.
Wie beschreiben Sie bei diesen die seelischen Folgen?
Brandverletzungen beschäftigen Betroffene über Monate, über Jahre, wenn nicht sogar über ein ganzes Leben. Um das zu veranschaulichen: Viele jener Familien, deren Angehörigen nun bei uns auf der Brand-Intensivstation behandelt werden, sind jetzt dabei, sich eine Wohnung in Zürich zu suchen – sie werden nach Zürich übersiedeln. Das Leben, das sie geführt haben, gibt es nicht mehr. Sie und später die Verletzten selbst, sobald diese wieder bei Bewusstsein sind, müssen nach und nach verstehen, was passiert ist. Das braucht lange Zeit, und es braucht immer wieder das Erzählen und Einordnen. Die Traumatisierung geht tief, da sind die Bilder im Kopf, vom Unglück, von Freunden, die auch betroffen waren.
Was kann die Seelsorge hier beitragen?
Was uns ausmacht ist, dass wir eine konstante Begleitung anbieten. Ich bin jeden Tag da für die gleichen Familien. Durch die konsequente und stabile Begleitung können wir seelische Probleme auffangen, indem wir ihnen einen Raum geben. Die Betroffenen wissen, dass sie ihre Geschichte nicht immer und immer wieder von vorne erzählen müssen, weil schon wieder eine neue Bezugsperson im Einsatz ist. Das ermöglicht, dass auch tiefer liegende Themen zur Sprache kommen. Auch hören wir neutral zu und wir unterstehen dem Seelsorgegeheimnis. Die Vernetzung mit der Ärzteschaft und den Pflegenden hilft uns aber gleichzeitig, einordnen zu können, wo der Patient steht, in welche Richtung sich seine Geschichte entwickeln könnte, ins Positive wie ins Negative.
Am nationalen Trauertag für die Opfer der Brandkatastrophe in Crans-Montana, am Freitag, dem 9. Januar um 14.00 Uhr finden an verschiedenen Orten Gedenkfeiern statt. Unter anderem auch am Universitätsspital Zürich in der Spitalkirche. Seelsorgerin Esther Stampfer wird dort einen Gedenkanlass gestalten.
Sie sind als Seelsorgerin zuständig für das Zentrum für Schwerbrandverletzte am USZ. Wann nach der Katastrophe sind Sie beigezogen worden?
Unmittelbar, da ich auch Teil des Care-Teams am USZ bin. Allerdings war ich zu diesem Zeitpunkt in den Ferien. Meine Kolleginnen und Kollegen vom Seelsorgeteam waren präsent und gleich vor Ort. Ich kam dann am Sonntag ans Spital und habe direkt mit der Arbeit begonnen. Es war bereits klar, welche Patientinnen und Patienten bei uns bleiben würden.
Was haben Sie als erstes gemacht?
Zuallererst bin ich zur Pflege und habe gefragt, wie es ihnen geht, bei alledem, was sie durchgemacht haben. Dann bin ich zu den einzelnen Familien und zu den Eltern gegangen.
Welche Eindrücke haben diese ersten Begegnungen bei Ihnen hinterlassen?
Die Pflegenden waren sehr gefasst, noch sehr im Arbeitsmodus und mit Fokus auf die Patientinnen und Patienten. Für sie werden wir nun in den nächsten Tagen mit einer offenen Sprechstunde starten, zusammen mit den Ethik-Fachpersonen und den Psychiatern, sodass Pflegende das Einzelgespräch über ihre Erlebnisse suchen können.
Die Eltern und Familienangehörigen habe ich dankbar und offen erlebt. Die Kolleginnen und Kollegen vom Careteam hatten ja bereits erste Gespräche geführt. Anspruchsvoll ist die sprachliche Verständigung, die meisten sprechen Französisch. Für jene, die ausschliesslich Französisch sprechen, haben wir eine Kollegin im Seelsorgeteam, die die Sprache sehr gut beherrscht.
Was können Sie im Moment für die Verletzten tun?
Solange die Patienten nicht wach und ansprechbar sind, kann ich nichts tun. Nur beten.
Was können Sie für die Angehörigen tun?
Da sein, zuhören, entlastende Gespräche anbieten. Wir arbeiten auch mit dem Sozialdienst zusammen und leisten Unterstützung im Alltag.
Wie lange, meinen Sie aus Ihrer Erfahrung, werden Sie die Menschen nun begleiten?
Das kann sehr unterschiedlich sein, von einem Monat bis zu einem halben Jahr oder sogar einem Jahr. Gegenüber den Betroffenen kommunizieren wir in abgegrenzten Zeithorizonten: Der nächste Monat ist jetzt wichtig. Wenn dieser Monat gemeistert ist, ist viel gewonnen – dann sehen wir weiter.
Gibt es innerhalb der Seelsorge verschiedene Disziplinen, die unterschiedliche Aufgaben abdecken?
Nein. Allerdings sind mein reformierter Kollege und ich, die wir auf der Brand-Intensivstation im Einsatz sind, notfallpsychologisch geschult.
Was tun Sie, wenn es Ihnen selbst zu viel wird?
Da hilft das Gespräch mit dem Team. Es ist immer jemand da, der zuhört und Zeit für einen Kaffee hat. Wie wir die Pflegenden fragen, so fragen sie umgekehrt auch uns, wie es uns geht. Privat pflege ich Freundschaften, lenke mich so ab. Am Nachhauseweg zünde ich eine Kerze in der Spitalkirche an. Ich versuche, so viel wie möglich im Spital zu lassen.
Was braucht es, damit die seelischen Wunden wieder heilen können?
Das ist eine gute Frage. Sicher braucht es eine gute Aufarbeitung des Geschehenen und eine ehrliche Kommunikation von Ärzten und Fachpersonen. Die Betroffenen müssen wissen, wo sie stehen und wohin es gehen kann. Es hilft, wenn sich dies verbindet mit hoffungsvollen Ausblicken, damit die Menschen nicht verzweifeln, sondern sehen, dass das Leben weiterhin lebenswert sein kann. Wer aber trauert und wütend ist, darf das natürlich ebenso. Es gilt, die Betroffenen dort abzuholen, wo sie gerade sind.
Esther Stampfer (*1987) ist Theologin, Notfallseelsorgerin und Palliativseelsorgerin. Seit 2022 ist sie Teil des Seelsorgeteams am Universitätsspital Zürich und dort unter anderem am Zentrum für Schwerbrandverletzte im Einsatz.