Ruedi Widmer
Ist der 100. Todestag von Antoni Gaudí wichtiger als der 99. oder der 101.? – Gewinnt Marilyn Monroe an Bedeutung, wenn sich ihr Geburtstag zum hundertsten Mal jährt? – Zum 1000. Mal: Nein!
Jubiläen sind Aufmerksamkeitsbewirtschaftung. 2026 erhalten Rainer Maria Rilke, Carl Maria von Weber und Claude Monet urplötzlich wieder Newswert und werden vermarktet, obwohl weit und breit kein Bedeutungswachstum festzustellen ist.
Wie seltsam, denn spätestens ab 30 werden die bösen Geburtstage mit der 0 am Ende verdrängt. Aber kaum ist man tot, werden bei allen runden Gelegenheiten die Nachrufe hervorgeholt und aufpoliert.
Firmenjubiläen allerdings, die werden santo subito gefeiert. Gerne auch unrund, weil das ist dann originell. Und wer weiss, ob das Fünfjährige nicht bereits das Letzte ist. Die Liquidation wird nämlich eher selten nachgefeiert.
Auch die Kirchen feiern 2026. Die Römisch-katholische den 400. Weihetag des Petersdoms. Die Reformierte den 500. Jahrestag der Badener Disputation. Kirchen lieben den Atem der Ewigkeit und feiern deshalb gerne die ganz grossen Zahlen. Damit zelebrieren sie ihre Monumentalität (siehe Kirchenbauten), überraschend oft aber auch ihre Unfähigkeit (siehe gescheiterte Dialoge).
Der aufmerksamen Leserschaft wird natürlich der Wimpel auf der Frontseite dieses Magazins nicht entgangen sein. Das Forum feiert seinen 70. Geburtstag. – Wie inkonsequent! – Ganz recht! – Und zwar aus all den genannten Gründen: Um sich im Gespräch zu halten. Um zu feiern, solange wir feiern können. Um daran zu erinnern, dass Kirche ein einzigartiges Experiment zwischen zeitloser Grossartigkeit und zeitlosem Versagen ist. Ein bewegendes Drama, das uns auch nach über 2000 Jahren Laufzeit nicht loslässt.
Jubiläen sind dazu da, dem Feiern einen Platz und der Geschichte einen Wert zu geben. Wenn wir mit dem Feiern aufhören, zieht das Leben einfach nur noch an uns vorbei.