Grosse Erzählungen

Schöpfung

Die jüdisch-christliche Tradition erzählt uns vom Anfangen. Wie wir schöpferisch werden – und mit welchem Risiko.

Chroma 1 | Jason Anderson, 2025, Öl auf Leinwand, 40 x 40 cm

Jeder Mensch will wissen, woher er kommt. Das Kind fragt danach, und im Verlauf einer Lebensgeschichte gibt es immer wieder Phasen, in denen die Familiengeschichte besonders interessiert. Werden dabei unverhoffte Tatsachen entdeckt – zum Beispiel ein Elternteil ist nicht leiblicher Vater oder Mutter –, kann dies zu innerer Erschütterung führen. Identität muss um ihren Ursprung wissen. Wenn jemand gefragt wird, wer er ist, muss er erzählen können, woher er kommt und was seine Geschichte ist. Identität besteht aus Erzählen. Was für den Einzelnen gilt, gilt auch für das Kollektiv. Staaten feiern ihren Ursprung am Nationalfeiertag. Mit Weihnachten und Ostern gedenkt die Kirche ihrer Gründung; mit Pessach und Jom Kippur das Judentum seiner immer neuen Konstituierung vor Gott. Herkunftserzählungen haben prägende Wirkung im Hier und Jetzt.

Und woher kommt die Menschheit? Der moderne Mensch blickt auf Gesteine und Fossilien, rekonstruiert die Erdentwicklung und erforscht das Weltall. So rekonstruiert er eine Geschichte der Evolution und glaubt an den Urknall. Der Kultur der Moderne tritt die Natur gegenüber. Auch der biblische Mensch hat um sich geblickt. Er staunte über die Ordnung des Kosmos, den Wechsel der Zeiten und das Zusammenspiel von Pflanzen, Tier und Mensch. So hat er eine Ursprungserzählung geschaffen, alle Geschöpfe in einen Rhythmus von sieben Tagen geordnet. Auch hat er beobachtet, dass der Mensch in den Lauf der Dinge eingreifen und schöpferisch tätig sein kann. Angesichts dieser Erfahrung ist ihm der Kosmos zur Schöpfung geworden. Sie aber übersteigt den Menschen. Ein Schöpfer, Gott, muss sie geschaffen haben.

Schöpfung besagt also etwas anderes als Kosmos und Natur, nicht nur geordnetes Zusammenspiel allen Seins, nicht nur Gegenüber zur Kultur. Wer von Schöpfung spricht, ist überzeugt, dass der Mensch Kosmos und Natur gestalten kann und soll. Mehr noch, schöpferisch tätig zu sein, wird zu seiner Aufgabe. So formuliert die Genesis, der Mensch sei im Abbild Gottes geschaffen, «männlich und weiblich» soll er ihm ähnlich werden. Partner bzw. Partnerin Gottes in der Schöpfung zu sein, ist seine Würde: Imitatio Dei ist letztlich Imitatio Creatoris. Das Judentum sieht diesen schöpferischen Lebensstil darin, Gerechtigkeit und Recht in dieser Welt zu schaffen und formuliert dazu Gebot und Weisung. Das Christentum konkretisiert diesen Weg in der Nachfolge Christi, da es im Juden aus Nazareth das wahre Menschsein aufscheinen sieht. 

Genesis 1 macht den Menschen nicht zur «Krone der Schöpfung». Sie erzählt kein Sechstagewerk. Das Chaos, das Tohuwabohu, gestaltet Gott. Er vollendet sein Werk mit dem Schabbat, dem siebten Tag. Auch verklärt die Genesis die Welt nicht romantisch. Sie ist gut gedacht, doch voller Rivalität, Unrecht und Gewalt: Schon Kain erschlägt Abel, weil er glaubt, zu kurz zu kommen. Weder die Endlichkeit noch Sterblichkeit der Geschöpfe ist für die Bibel ein Problem. Ein Problem ist der Kampf ums Leben, der zu Mord und Totschlag führt. Gemäss Genesis 6 entscheidet Gott, nochmals von vorn zu beginnen. Er vernichtet die Schöpfung durch die Sintflut. Doch da es ihm um Gerechtigkeit und Recht geht, rettet er den Gerechten, Noah und seine Familie, wie auch die Tiere. 

Die Sintflut wird ausführlich erzählt, nur um danach zu unterstreichen, dass Gott niemals mehr so handeln wird: Neuschöpfung und Bund mit allen Geschöpfen folgen. Der Regenbogen ist Zeichen der Garantie. Der apokalyptischen Versuchung, alles zu zerstören, tabula rasa zu machen und neu zu beginnen, ist damit ein Riegel vorgeschoben. Schöpferisch handeln heisst nicht, alles niederzureissen, wenn Dinge misslungen sind. Die Welt ist unübersichtlich, ein Gewirr der Stimmen und vom Hochmut des Menschen geprägt, wie danach die Erzählung vom Turmbau zu Babel berichtet. Doch es gibt einen Ausweg: «Geh, geh endlich in das Land, das ich Dir zeigen werde.» Damit beginnt in Genesis 12 die Heilsgeschichte mit Abram und Sara: Chaos und Unrecht hinter sich lassen, unter Gottes Führung ausziehen aus Verstrickungen der Welt in ein neues Land.

Die Schöpfungserzählungen von Genesis 1 bis 11 sind keine historische Beschreibung des Anfangs der Menschheit. Wie alle Ursprungsgeschichten klären sie auf, schaffen eine geistige Grundlage und beschreiben, welche Aufgabe für den Einzelnen und seine Gemeinschaft gegeben ist. Darin spielt die Erzählung von Adam und Eva, die nach der Frucht vom Baum der Erkenntnis greifen, eine Schlüsselrolle. Beide stehen für den Menschen in Beziehung, die immer geschlechtsspezifisch gefärbt ist. Die Schlange steht für das Begehren, Grenzen zu überschreiten und zu wachsen. Bekanntlich hat die christliche Tradition diese Erzählung als «Sündenfall» interpretiert, obwohl in dieser Geschichte nichts zu Boden fällt, nicht einmal die Frucht. Auch der Begriff «Sünde» kommt darin nicht vor. Wenn Adam und Eva von der verbotenen Frucht essen, erlangen sie Urteilskraft. Sie können Gut und Böse unterscheiden. Sie erkennen sich als sterbliche und geschlechtliche Wesen mit der Ambivalenz und dem Abgrund, die damit einhergehen. Die Erzählung spricht gemäss jüdischer Auslegung von Bewusstwerdung und Aufklärung; entwicklungspsychologisch gedeutet vom Akt des Erwachsenwerdens. Dass sich der Mensch dabei schuldig macht, ja überhaupt fähig zur Schuld wird, gehört zu seiner Freiheit, die er erlangt. Ohne Freiheit kein schöpferisches Handeln.

Auch wenn Genesis 3 von der Grenze und der Schattenseite der Erkenntnis erzählt, ist die Bibel kein antiintellektuelles Buch, im Gegenteil. Sie ist religionskritisch und entlarvt jeden Götzendienst. Judentum und Christentum sind denn auch je reiche Bildungstraditionen. Doch Erkenntnis allein kann nicht retten und Heil bringen. Und der Baum des Lebens bleibt unantastbar. Der Mensch bleibt sterblich. Zwei schöpfungstheologische Aussagen, die höchst aktuell sind, angesichts der transhumanistischen Versuche, Unsterblichkeit im digitalen Zeitalter zu schaffen.