Kino unter Leuten

«Rental Family»

Der Amerikaner Philipp ist in Tokyo gestrandet. Ein ausgemusterter Schauspieler, der ein armselig einsames Leben führt. Der Gelegenheitsjob, für den er als «Amerikaner» an einer Trauerfeier teilnehmen soll, führt ihn zu einer Agentur, die Familie à discretion und Beziehung auf Zeit vermittelt. Fortan spielt Philipp einem Mädchen den bislang unbekannten Vater vor. Er gibt sich als Biograph eines alternden Schauspielers aus. Und gebärdet sich als bester Kumpel eines anderen einsamen Herzens. Eben noch verloren in seiner trostlosen Mietskaserne hockend, gibt Philipp nun den Vater, den Sohn und den Bruder. Er wird sich praktisch selbst zur Familie.

In Japan gibt es tatsächlich über 300 solche Vermittlungsagenturen. Diese erstaunliche Realität provoziert bestimmt allerhand spöttische bis kulturpessimistische Kommentare. Genau davon hält sich Regisseurin Hikari aus Liebe zu ihren Figuren und zum Glück für uns fern. Sie richtet nicht über dieses Phänomen, weder auf witzige noch auf mitleidige Art. In «Rental Family» besitzt die Realität nicht die Hoheit über die Fiktion. Das vermeintlich Echte wird nicht feinsäuberlich vom vermeintlich Gespielten getrennt.

So erkennt Philipp mehr und mehr, dass seine Rollen tatsächlich Verantwortung mit sich bringen, dass auch das Spiel seine Wirkung hat. Er beginnt zu begreifen, was echte Performance bedeutet, nämlich ganzheitliche Darstellung, vollständige Durchdringung, komplette Verwandlung. Philipp wird Vater, Sohn und Bruder. Und bleibt doch gleichzeitig in seiner Rolle. Nichts ist ausschliesslich Illusion und nichts ausschliesslich Wirklichkeit.

Hikaris Film ist mit «Rental Family» auch eine Betrachtung über das Kino selbst gelungen. Dieser Ort der gespielten Gefühle und der imaginierten Realität ist niemals pure Illusion. Die Emotionen und Wahrnehmungen, die das Spiel in uns wecken, werden zu einer Wirklichkeit. So wie Philipp durch seine verschiedenen Rollen sich selbst näher kommt, so kann das Spiel im Kino auch für sein Publikum seine Wahrheit ausstrahlen.

Am Donnerstag, 15. Januar schauen wir uns den Film des Monats «Rental Family» an.
Ort und Zeit werden noch bekannt gegeben.
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