Ich kann sie nicht mehr hören, die floskelhafte Predigtsprache in so vielen Gottesdiensten: «Wir Menschen sind oft herausgefordert: in der Arbeit, in der Familie, in der Freizeit …». «Gott lädt uns ein, immer wieder neu …». «Machen wir uns auf den Weg, ganz bewusst …». Predigten, die so klingen, sind inhaltlich nie falsch und nie interessant. Da hilft auch die biblisch noch so fundierte Metapher nichts, genauso wenig wie die betont wiederholten gleichen Satzanfänge irgendwo im letzten Drittel der Predigt oder die feinsäuberlich eingefügten «vielleicht» und «kann», damit auch alles schön unverfänglich bleibt.
Ich war nicht immer so empfindlich. Warum ich es jetzt bin, weiss ich nicht genau. Der Politikberater und Autor Erik Flügge hat schon vor zehn Jahren ein Buch geschrieben mit dem Untertitel: «Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt». Diese Formulierung ist mir zu grob. Aber viele seiner Beobachtungen sprechen mir aus der Seele. Nicht nur mir. Das Buch schlug damals hohe Wellen in kirchlichen Kreisen. Es wurde gefeiert und kritisiert. Doch verändert hat sich seither offenbar nichts. Das halte ich für tragisch und verheerend. Denn in mehreren westlichen Ländern gibt es Anzeichen dafür, dass sich Menschen der Generation Z tatsächlich für den christlichen Glauben interessieren und den Kontakt zu Kirchen suchen. Wiederholt aufgewärmte Worthülsen bieten diesem Interesse allerdings keine Nahrung. Verwechselt der eingeschliffene Predigtsprech Offenheit mit Unverbindlichkeit? Geistliche Tiefe mit bildhafter Sprache? Und wer überhaupt ist dieses «Wir», von dem die Predigerinnen und Prediger immer so genau wissen, was es denkt, glaubt und erlebt?
Ich werde mich wohl noch häufig aufregen. Aber Sprache – gerade im Gottesdienst – ist mir viel zu wertvoll, als dass ich bereit wäre, einfach wegzuhören. Ich sehne mich nach Worten, die gefüllt sind mit der persönlichen (Glaubens-)Erfahrung derer, die sie sprechen, und in denen die Vibration dieser Erfahrung mitschwingt. Dann nämlich begegne ich darin sowohl der Person, die predigt, als auch dem göttlichen Wort, das mich wirklich nährt.