Das Gefühl, vor dem Nichts zu stehen. Die Frage, wer bin ich noch. Die Angst, keinen Halt mehr zu finden. Keine Zukunft vor sich zu sehen. Trauer über den Verlust. Wut über das Versagen. Unsicherheit über die eigene Identität. Wer jemals am Ende eines grossen Lebensentwurfes stand, kennt diese oder ähnliche Wahrnehmungen. Die meisten Menschen müssen im Verlauf ihres Lebens durch derartige Situationen, einmal, immer wieder. Zwei gute Nachrichten: Es kann gelingen. Und: Es gibt Menschen, die andere dabei begleiten – vielleicht, weil sie selbst ein solches Ende bereits durchlebt haben.
Beni Huggel ist bekannt als Fussball-Experte aus dem Fernsehen. Viele mögen sich an seine Profi-Karriere erinnern: Schweizer Meister und Cupsieger wurde er, spielte an der UEFA Champions- und Europa-League, an Europa- und Weltmeisterschaften, 2010 war er Schweizer Fussballer des Jahres. 2012, im Alter von 35 Jahren, beendete er seine Karriere. Er trat eine Stelle als Trainer in der Jugendakademie an – alles war geplant. Doch es kam anders: «Ich hatte in dieser Zeit das Gefühl, dass alles, was auf mich zukommt, nur noch lauwarm ist.» Ihm wurde bewusst: Solche Emotionen, wie er sie als Profi im Stadion erlebt hatte, würde er nie mehr erleben. «Es war ein Verlust.» Wehmut, Gefühle von Identitätsverlust und Zukunftszweifel plagten ihn.
Beni Huggel fand seinen Weg aus der Krise, indem er sich mit andern vernetzte. Bis er realisierte, dass diese Vernetzung selbst der Schlüssel für seine und die Zukunft vieler anderer Athletinnen und Athleten sein könnte. Zusammen mit dem HR-Fachmann und ehemaligen Handballer Dave Heiniger gründete er das «Athletes Network». Das Netzwerk verbindet Sport und Wirtschaft, aktive und ehemalige Athletinnen und Athleten mit CEOs und Wirtschaftsfachleuten. Huggel und Heiniger haben damit geschaffen, was zuvor fehlte: eine Brücke vom Profi-Sport ins Wirtschaftsleben. Huggel sieht an diesem Übergang zwei Schwierigkeiten: «Ich als Profisportler habe Sporterfahrung, aber keine Berufserfahrung. Und die Leute aus der Wirtschaft sagen mir, sie würden mich gern einstellen, weil sie mein Mindset mögen: ehrgeizig, zielorientiert, widerstandsfähig. Doch dann gelingt das oft nicht, weil schlussendlich doch die eigentliche Qualifikation fehlt.» Tatsächlich könne in solch einer Situation eines helfen: «einer kennt einen, der kennt einen, der wiederum einen kennt», lacht Huggel – so habe es doch seit jeher funktioniert.
Das «Athletes Network» gibt es bislang nur in der Schweiz. Es erreiche heute fast 50 Prozent der Aktiven und jener Ehemaligen, die in den letzten zehn Jahren aus dem Leistungssport ausgeschieden seien, schätzt sein Gründer. Und ist zufrieden mit der dadurch geleisteten Bewusstseinsbildung. Innerhalb des Netzwerkes hätten Sportlerinnen und Sportler die Möglichkeit, bereits während ihrer Karriere die Frage nach dem danach zu stellen.
Zu Beni Huggels aktiver Zeit sei es unvorstellbar gewesen, neben der Vollzeit-Anstellung bei einem Verein eine Ausbildung zu machen oder gar zu arbeiten. «Der Trainer hätte schlicht gesagt, du konzentrierst dich nicht mehr genug, du musst den ganzen Fokus auf den Fussball richten.» Heute hingegen würden die körperlichen Erholungspausen zur eigenen Aus- und Weiterbildung genützt.
Als nächster Schritt wäre es ideal, für das gesamte Sportökosystem einen Fonds zu äufnen, findet Huggel: «Die Aktiven zahlen dort ein, und sobald sie aufhören, können sie daraus Mittel entnehmen für die berufliche, finanzielle und psychologische Begleitung am Übergang.»
Paul Richard Schneider war Bankdirektor, CEO und Verwaltungsratspräsident bei einer Versicherung. Nach dem Tod seiner Ehefrau begann er mit dem Theologiestudium und spezialisierte sich im Kirchenrecht. Schneider brachte also Erfahrungen mit, als er 2018 mit 63 Jahren beschloss, in den Benediktinerorden einzutreten.
Der Benediktiner Paul Richard Schneider bringt solides Finanzwissen mit. Damit ist er zum gesuchten Berater geworden.
Michel Gilgen
Heute ist der Mönch als Ökonom der Benediktiner in Muri-Gries und Sarnen tätig, verwaltet also Finanzen und Liegenschaften der beiden zusammengehörigen Standorte in Südtirol und der Schweiz. Dazu hat sich ergeben, dass immer mehr Nonnen und Mönche, die aus ihrem Orden austreten wollen oder bereits ausgetreten sind, bei ihm Rat suchen. «Es ist meist ein langer Weg vom Entscheid bis zum Austritt. Plötzlich stellen sich sehr viele Fragen», weiss Frater Paul Richard. Gerade finanzielle Fragen müssten bedacht werden: Startkapital? Chancen am Arbeitsmarkt? Versicherungen? Altersvorsoge? Vor allem Frauen realisierten zum Teil erst nach ihrem Austritt, dass sie finanziell vor dem Nichts stünden. «Kirchenrechtlich ist die Sache knallhart geregelt: Wer aus dem Kloster austritt, schuldet dem Kloster nichts. Aber das Kloster schuldet auch ihm oder ihr nichts.»
Im männlichen Teil der Schweizer Benediktinerkongregation hat sich Frater Paul Richard erfolgreich dafür eingesetzt, dass jeder Ausbildungsschritt, jede Arbeit, die Brüder übernehmen, zuerst sauber vertraglich geregelt wird. Dies schliesse dann auch entsprechende Versicherungen, AHV und Pensionskasse für die einzelnen ein. Standard sei das aber nicht, nicht einmal in allen Schweizer Ordensgemeinschaften. Besonders anspruchsvoll werde es, wenn Ordensleute in Gemeinschaften im Ausland gelebt hätten. Schneider erzählt ein Beispiel: «Eine Schweizer Schwester tritt in Indien in einen Missionsorden ein und wird in diesem Land eingesetzt. Dann muss sie sich nach ihrem Austritt vor dem indischen Staat für ihre Rechte einsetzen. Selbst wenn sich der Orden grosszügig zeigt und ihr ein Startgeld mitgibt, richtet sich das nach der Kaufkraft des Einsatzlandes – also Indien – und nicht nach jener des Herkunftslandes, in das sie jetzt vielleicht zurückkehren will.» Schneider begleitet einen Fall, da möchte die Betroffene nicht gegen ihre Ordensgemeinschaft klagen, weil der Gewinn in deren Einsatzland sowieso kleiner wäre als die Sozialhilfe in der Schweiz.
Fünf bis sechs solcher Fälle begleitet Schneider pro Jahr, die meisten tatsächlich nach einer Rückkehr von einem Auslandseinsatz. Zu gerichtlichen Klagen käme es dabei kaum, meistens gelänge es ihm in Verhandlungen, einvernehmliche Lösungen zwischen Ausgetretenen und deren Ordensleitungen zu finden.
Dass klösterliche Ideale wie die Armut vorgeschoben werden, um Vorsorge und Finanzen ausser Acht zu lassen, versteht er nicht. «Wir müssen uns daran erinnern, dass Armut hier zuerst ein spirituelles Ideal ist. Ist die Prüfung nicht noch grösser, wenn ich als Mönch weiss, ich könnte finanziell jederzeit gehen, entscheide mich aber, zu bleiben?»
Hätte man Jacqueline Fothergill Fehr und Michael Salzer damals während ihres Studiums gefragt, ob sie später Ehepaare bei der Scheidung begleiten wollen, sie hätten beide nein gesagt: zu mühsam sei die Materie. Nun sind sie jeweils seit über 20 Jahren als Scheidungsanwälte tätig. Denn die Praxis ist anders: Sie begleiten Menschen bei einem wichtigen Umbruch. Vor Gericht stehen die beiden selten. Sie übernehmen lieber jene Situationen, in denen sich aussergerichtliche Lösungen finden lassen, etwa durch Mediation.
Über den Stil einer Scheidung entscheiden die Trennungswilligen: Die Scheidungsanwälte Jacqueline Fothergill Fehr und Michael Salzer beraten in Rechtsfragen und ermöglichen das Gespräch mitten im Konflikt.
Michel Gilgen
Michael Salzer spricht von einer Scheidung als einem «bedeutsamen Transformationsprozess» und weiss, dass das zunächst absurd klingen mag. Die Anwälte machen aber die Erfahrung, dass sich der Lebensumbruch meistern lässt: Mit genügend Zeit. Mit entsprechender Begleitung. Mit dem Willen, konstruktiv zu bleiben. Eine Scheidung muss nicht zur traumatischen Erfahrung werden.
Scheidungskonflikte haben ihre Ursachen oft ganz am Anfang einer Beziehung. Kaum ein Paar wisse in glücklichen Zeiten, worauf es sich mit einer Ehe rechtlich einlasse, sagt Fothergill Fehr. Kaum ein Paar lasse sich rechtzeitig vor der Eheschliessung beraten. Und die gesellschaftliche Wirklichkeit zwinge immer noch viele in ein konservatives Familienmodell. Salzers Erfahrung: «In der Mehrzahl der Fälle führt der Mann seine Karriere fort, während die Frau die Kinderbetreuung übernimmt.» Im Scheidungsfall setze die fehlende finanzielle Absicherung der Frau auch den Mann unter Druck, der für sie und für die Kinder verstärkt aufkommen müsse. Darum rät Fothergill Fehr jungen Frauen: «Hört nie auf zu arbeiten, gewinnt den Überblick über eure Finanzen und bleibt wirtschaftlich selbstständig.» Wenn das gelingt, kann viel Konfliktpotenzial einer Scheidung abgefedert werden, ist sie überzeugt.
Jacqueline Fothergill Fehr und Michael Salzer begleiten beide zwischen 40 und 50 Paare pro Jahr, von einmaligen Gesprächen bis hin zu längeren Klärungsprozessen. Beide arbeiten gern in einer Co-Mediation: sie mit einem Psychologen, er mit einer Psychologin. Bei mehrheitlich heterosexuellen Paaren mache es einen Unterschied, auch in der Begleitung zwei Geschlechter vertreten zu haben. Und viele der Konfliktthemen bewegten sich zwischen rechtlichen und psychologischen Fragen: allen voran die nach den Kindern. Fothergill Fehr und Salzer sehen die Gefahr, dass Kinder zerrieben werden zwischen den Vorstellungen der Eltern und dabei Schaden nehmen. Beide arbeiten auch als Kinderanwälte.
Eine Scheidung bedeutet, dass ein gemeinsames Projekt missglückt ist. Zum Einstieg in die Begleitung gibt Michael Salzer den trennungswilligen Paaren darum einen Fragebogen in die Hand. Sie lesen darin: «Sie werden eine wichtige Entscheidung über den Stil treffen, in dem diese Trennung oder Scheidung vor sich gehen wird.»