Wie erleben Sie die katholische Kirche in Ihrem Umfeld? Steht sie auf der Seite der Armen?
Ich erlebe Frauen, manchmal auch Männer, die in ihrer Kirchgemeinde gemeinsam für die Menschen rundherum arbeiten. Sie versuchen, etwas zu tun angesichts der grossen Probleme, die wir heute haben.
Welche Rolle hat die Befreiungstheologie in Chile gespielt?
Eine sehr wichtige Rolle. Meinen ersten Kontakt mit Menschen, die aus dieser Bewegung kamen, hatte ich in den 1970er Jahren bei den «Cristianos por el Socialismo», «Christen für den Sozialismus». Persönlich war ich damals politisch engagiert, nicht kirchlich. Bis in die 1990er Jahre war ich immer wieder gemeinsam mit Menschen aktiv, die befreiungstheologisch motiviert waren.
Was hat dieses Gedankengut in Chile erreicht?
Zusammen mit der Volksbildung wurde dadurch viel erreicht. Menschen mit kirchlichem Hintergrund konnten darüber Teil der Revolution werden, sich verbinden und für Frieden einsetzen. Man half sich gegenseitig, mobilisierte sich und stärkte sich den Rücken, auch während der Diktatur.
Welche Rolle spielt die Befreiungstheologie heute?
Ehrlich gesagt kann ich ihre Rolle momentan nicht sehen. Eher sehe ich Impulse von der feministischen und der ökofeministischen Theologie. Aber auch diese spielen eine eher kleine Rolle und werden von der breiten Bevölkerung kaum wahrgenommen.
Sind Pfarrer Fabres und seine Gemeinde Cerro Navia in Santiago de Chile eher typisch für eine katholische Gemeinde oder eher untypisch?
Sehr typisch. Die Leute vor Ort haben das Wissen und die Erfahrung, sie führen eigentlich die Gemeinde. Und die Priester kommen und gehen. Wir haben in Chile ein grosses Problem mit priesterlichen Berufungen, es gibt viel zu wenige.
Was bedeutet die befreiungstheologische «Option für die Armen» für Sie?
Sie ist eine notwendige Grundhaltung. Allerdings ist es mir wichtig geworden, niemanden in eine Machtposition zu heben und niemanden als «arm» zu werten. Ich bemühe mich darum, anderen auf Augenhöhe zu begegnen und zu versuchen, gemeinsam etwas zu gestalten, wo es möglich ist. Diese Reziprozität ist für mich zentral.
Sie lebten acht Jahre lang in der Schweiz und leiteten das Frauen- und Gender-Departement bei Mission 21. Wie gleichberechtigt erlebten Sie die Gesellschaft in der Schweiz?
Vieles habe ich sehr geschätzt und bewundert, besonders wenn es um die gleichberechtigte, freiheitliche Erziehung der Kinder geht. Autonomie ist ein sehr hohes Gut in der Schweiz, ganz anders als bei uns in Chile. Paradoxerweise habe ich im Arbeitsleben aber viele starke Hierarchien wahrgenommen und es ist nicht üblich, diese zu thematisieren oder in Frage zu stellen. Von meiner Heimat her war ich eher gewohnt, in Kollektiven zu arbeiten.
Welche Rolle hatte die Befreiungstheologie in dieser Zeit in der Schweiz?
Ich war im Austausch mit einigen, die der Befreiungstheologie nahestanden, aber auch damals schon eher mit jenen, die von der feministischen Theologie herkamen. Viele, die in meinem Umfeld aktiv waren, hatten einen solchen Hintergrund. Wir diskutierten, tauschten uns aus und engagierten uns über Landesgrenzen hinweg.