Avo Pärt wird 90

Er gilt als einer der bedeutendsten lebenden Komponisten Neuer Musik. Nur schwer kann man sich der Reinheit und Schönheit seiner Werke entziehen. Dem estnischen Musiker und orthodoxen Christen zum runden Geburtstag.

Porträtbild von Arvo Pärt

Arvo Pärts Musik bin ich erstmals 1982 begegnet», schreibt der Luzerner Musikwissenschaftler und Organist Alois Koch. «Es war spätabends auf der Rückfahrt von einer Chorprobe. Im Radio erklang eine mir unbekannte Komposition in lateinischer Sprache, eigenartig und auf die Dauer geradezu enervierend gleichförmig. Immer dieselben Wendungen und Klänge, so dass ich das Gerät abstellte – um es wenig später wieder anzuschalten, denn irgendwie war ich von dieser kontemplativen mantraartigen Monotonie doch fasziniert. Von wem diese Komposition stammt, offensichtlich eine Passionsmusik, wurde mir klar, als der Moderator die ‹Passio Domini nostri Jesu Christi› erwähnte, gesungen vom berühmten Hilliard-Ensemble.»

Das englische Hilliard-Ensemble, das durch seine CD-Produktionen mit dem Saxophonisten Jan Garbarek weltberühmt wurde, ebnete mit seinen Aufnahmen auch Arvo Pärt und seiner Musik den Weg. Alois Koch schreibt weiter: «Einige Zeit später dann hörte ich eine Live-Aufführung dieser Passionsvertonung im Zürcher Grossmünster, und da war für mich klar, dass ich mich mit diesem estnischen Komponisten auseinandersetzen musste.»

So möchte auch der Komponist das ganze Arsenal zurücklassen und sich durch die nackte Einstimmigkeit retten…

Nach seiner Bekehrung zur orthodoxen Kirche im Jahre 1972 suchte Arvo Pärt auch künstlerisch nach einem völlig neuen Stil. Er orientierte sich an den berühmten Mönchsvätern und -müttern und ihrem Leben in freiwilliger Armut. Über seinen künstlerischen Weg schreibt Arov Pärt: «Die heiligen Männer liessen all ihren Reichtum zurück und gingen in die Wüste. So möchte auch der Komponist das ganze Arsenal zurücklassen und sich durch die nackte Einstimmigkeit retten, bei sich nur das Notwendigste führend – einzig und allein den Dreiklang.»

Arvo Pärt in einer Wohnung

Fast zehn Jahre entsagte der Komponist der Musik, um sich von allen Einflüssen zu befreien. Nach seiner Rückkehr in die Welt der Töne erfand er eine neue Sprache der Einfachheit, die er als «Tintinnabuli-Stil» bezeichnete. Das Wort verweist auf das Glöckchenspiel und seinen Dreiklang. Dessen Regelmässigkeit strahlt eine grosse Ruhe und Einfachheit aus. Statische Dreiklänge repräsentieren die Ewigkeit, dynamische Melodien die Vergänglichkeit der Zeit.

«Man muss seine Seele bis zu so einem Grade läutern, dass sie singt.»

Für Pärt war klar, dass das Komponieren immer auch eine Selbsterziehung und Läuterung darstellte: «Man muss seine Seele bis zu so einem Grade läutern, dass sie singt.» Er verweist auf ein entscheidendes Gespräch mit einem Mönch: «Ich habe einmal in der Sowjetunion mit einem Mönch gesprochen und ihn gefragt, wie man sich als Komponist bessern könne. Er antwortete mir, er wisse dafür keine Lösung. Ich erzählte ihm, dass ich auch Musik zu Gebeten schreibe und dass dies mir als Komponist vielleicht helfen könne. Darauf sagte er: ‹Nein, du irrst dich. Alle Gebete sind schon geschrieben. Du brauchst keine mehr zu schreiben. Das ist alles vorbereitet. Jetzt musst du dich vorbereiten.› Ich glaube, darin steckt eine Wahrheit.»

«Das Herz muss sich

in das Ohr verwandeln.

Das Gehör auf das Herz 

zurückgeführt werden.»

            Arvo Pärt

Wie tröstlich das doch ist! Es ist alles schon vorbereitet. Nur wir müssen uns auch noch vorbereiten. Wir schliessen daher mit einem Rat von Arvo Pärt an unsere Leser*innen: «Lehre deine Seele singen. Jede Seinslage hat ihre Lieder. Mag das Singen dich bei allem, was du tust, begleiten. Habe dieses Singen lieb und hüte es.»

Arvo Pärt verbeugt sich

Arvo Pärt wurde am 11. September 1935 in Estland geboren. Mit seinen etwas monoton anmutenden meditativen Kompositionen gilt Pärt als Vertreter der «Neuen Einfachheit». Bei den Kulturfunktionären der Sowjetunion fiel Pärt bald in Ungnade, 1972 trat er der orthodoxen Kirche bei.

In seiner Musik suchte er nach einem «Stil der freiwilligen Armut». Er orientierte sich am Gregorianischen Gesang und entwickelte den «Tintinnabuli-Stil». 1980 emigrierte Pärt nach Wien, er lebte auch längere Zeit in Berlin und kehrte 2008 nach Estland zurück.