«Die Menschenrechte sind kein Schönwetter-Projekt»

Der Theologe und Ethiker Daniel Bogner hält die Menschenrechte für eine alternativlose Richtschnur in Krisenzeiten – und sieht auch die Kirchen in der Pflicht.

Der deutsche Theologe Daniel Bogner.

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten», so lautet der erste Satz der UN-Menschenrechtserklärung von 1948. Was bedeutet der Satz konkret? 

Entscheidend ist der Gedanke der gleichen Freiheit für alle Menschen. Die Menschenrechte formulieren zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte den verbindlichen Anspruch, dass alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe oder anderen Merkmalen, also allein aufgrund ihres Menschseins, das Recht haben, nach ihren grundlegenden Bedürfnissen zu leben. 

Welche Bedürfnisse sind da gemeint? 

Es geht um die Grundbedürfnisse, die befriedigt werden müssen, damit überhaupt ein menschenwürdiges Leben möglich ist: Jeder Mensch braucht etwas zu essen und zu trinken, eine Wohnung, Bildung und Schutz vor Gewalt. Die Menschenrechte sind eine Art Spielfeldbegrenzung. Sie zeigen auf, was für alle Menschen gegeben sein muss. Die einzelnen Spielzüge, die gespielt werden, bestimmen die Menschenrechte nicht. Wie die Menschen ihr Zusammenleben konkret ausgestalten, bleibt ihnen selbst überlassen. 

Anfang der 1990er Jahre, nach Ende des Ost-West-Konflikts, schien es, als hätten sich die Menschenrechte als Fundament einer liberalen Weltordnung endgültig durchgesetzt. Heute sieht es vielerorts anders aus. 

Die grosse Hoffnung, dass die Menschenrechte sich nach und nach auf der ganzen Welt durchsetzen würden, hat sich in der Tat nicht erfüllt. Wenn man auf die weltpolitische Lage schaut, die neuen Autoritarismen in Europa, den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine oder die Situation in den USA, dann fragt man sich eher, ob wir nicht in eine ganz andere Richtung unterwegs sind. Statt einer regelbasierten Ordnung mit den Menschenrechten als normativem Kern scheint sich das Recht des oder der Stärkeren durchzusetzen.  

Sie raten zu mehr «menschenrechtlichem Selbstbewusstsein». Was meinen Sie damit? 

Viele Menschen sind verunsichert und fragen: «Woran können wir uns eigentlich noch halten? Was könnte ein verbindliches normatives Gerüst sein für unsere Zeit?» Diese Verunsicherung führt auch innerhalb der Bevölkerung dazu, dass man zunächst einmal schaut, wo man sich selbst sicher fühlt. Es scheint verlockend, sich einfach auf die Seite der Stärkeren zu stellen, anstatt sich den manchmal kompliziert erscheinenden menschenrechtlichen Standards auszusetzen. Die Menschenrechte kommen also von zwei Seiten unter Druck, von Seiten der Regierungen, aber auch von Seiten mancher Bevölkerungsgruppen. 

Was sagen Sie denjenigen, die die Menschenrechte als zu «anstrengend» empfinden?  

Die Menschenrechte sind nicht erfunden worden, um das politische Leben möglichst kompliziert zu gestalten. Im Gegenteil: Sie sind nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Zivilisationsbruch der Schoah, entstanden. Damals stellten die Menschen sich die Frage, wie es überhaupt weitergehen könnte. In dieser Situation haben sich die Menschenrechte herausgebildet als politische Mindeststandards für ein humanes Miteinander. Sie sind also aus der Krise und für die Krise entstanden. Sie sind kein Schönwetter-Projekt, um das wir uns kümmern können, wenn wir mal keine anderen Sorgen haben. 

Sie sagen, an den Menschenrechten führe kein Weg vorbei. Warum beobachten wir immer häufiger ihre Verletzung und Missachtung? 

Es fällt schwer, sich eine wirkliche Alternative zu den Menschenrechten vorzustellen. Das wissen sogar diejenigen, die die Menschenrechte bewusst verletzen. Wenn alle die Regeln brechen, führt das auch die vermeintlich Starken in den Abgrund. Der erhoffte Vorteil für die Regelbrecher ergibt sich daraus, dass die meisten anderen die Regeln einhalten. Sonst ist es der Krieg aller gegen alle, wie ihn der Philosoph Thomas Hobbes beschrieben hat. Ich denke, dass das auch einem Donald Trump bewusst ist. Auch aus diesem Grund könnten sich die Menschenrechte langfristig durchsetzen. 

Ihr «menschenrechtliches Selbstbewusstsein» speist sich also nicht aus der Hoffnung, dass die Menschen aus moralischen Gründen einsehen werden, dass es die Menschenrechte braucht?  

Doch, das wäre das Ziel. Aber in der Praxis ist es utopisch, darauf zu warten. Deshalb hilft es bereits, wenn die Menschenrechte aus politisch-pragmatischen Gründen eingehalten werden. 

Die katholische Kirche hat die Entwicklung der Menschenrechte nicht von Anfang an unterstützt. Sie erkannte darin eine illegitime Selbstermächtigung des Menschen gegenüber Gott, dem Schöpfer. 

Das stimmt, die Menschenrechte mussten gegen die Religionsgemeinschaften und insbesondere gegen die katholische Kirche erstritten werden, und zwar bis ins 20. Jahrhundert hinein. Dann hat aber ein Wandel stattgefunden. Die Werte, die mit den Menschenrechten vertreten werden, stimmen in den wesentlichen Punkten ja mit den Kernbotschaften des christlichen Glaubens überein. Diese Einsicht hat sich in der Kirche im 20. Jahrhundert schliesslich durchgesetzt.  

Die Gleichsetzung der Menschenrechte mit „westlichen“ oder gar „christlichen“ Werten halten Sie dennoch für problematisch. Warum? 

Zum einen überfrachtet eine solche Gleichsetzung die Menschenrechte. Sie sind ein politisch-rechtliches Instrument, sie wollen keine letzten Sinnfragen beantworten. Zum anderen reduziert man den Glauben damit auf bestimmte politisch-rechtliche Positionen. Die biblische Botschaft, der religiöse Glaube generell involviert den Menschen aber auf eine ganzheitlich-existenzielle Weise. Schliesslich wäre es fatal, wenn der Eindruck entstünde, man könne die Menschenrechte nur aus dem christlichen Glauben heraus begründen und vertreten. Bei den dahinterstehenden Werten gibt es eine grosse Übereinstimmung, etwa der Kampf für soziale Gerechtigkeit, für Teilhabe und gegen Exklusion. Auch der Kerngedanke der gleichen Würde aller Menschen verbindet biblischen Glauben und Menschenrechte. Deshalb setzen sich viele Christ:innen bewusst für die Menschenrechte ein. Aber man kann sie auch aus anderen weltanschaulichen Sinnhorizonten heraus begründen und vertreten. 

Wo sehen Sie die Rolle der christlichen Kirchen in der heutigen Menschenrechtskrise? 

Bei der Umsetzung der Menschenrechte geht es immer auch um die Frage, wie sich Vielfalt und Zusammengehörigkeit miteinander vereinbaren lassen, ohne dass die Freiheit der Einzelnen Schaden nimmt. Der christliche Glaube und auch die Kirchen könnten hier ein Angebot und vielleicht eine Inspiration sein. Die Kirche, gerade das katholische Modell einer Weltkirche, kennt das Problem, Vielfalt und Einheit miteinander zu leben. Sie selbst ist gebildet aus einer mental-kulturellen, geografischen oder auch historisch gewachsenen Vielfältigkeit. In den Gemeinden vor Ort gelingt das häufig schon gut, da kommen die unterschiedlichsten Menschen zusammen: Migrant:innen und Einheimische, Handwerker:innen und Akademiker:innen, Alleinstehende, Familien, Alte und Junge. Das könnte ein Modell sein für die Herausforderung, vor der wir auch politisch heute häufig stehen. 

Innerhalb der Institution der katholischen Kirche sind die Menschenrechte allerdings immer noch nicht vollumfänglich umgesetzt. 

Hier gibt es in der Tat noch Luft nach oben, etwa, was den Ämterzugang und überhaupt Geschlechtergerechtigkeit angeht. Die Kirche ringt aber mit diesen Ansprüchen. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass das letzte Wort hier noch nicht gesprochen ist. 

Daniel Bogner im Podcast-Studio.

Daniel Bogner (*1972) ist Professor für Theologische Ethik an der Universität Freiburg i.Üe. und Co-Host des Podcasts «OMG – der Podcast über mehr als alles». Gemeinsam mit Heiner Bielefeldt, Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Universität Erlangen-Nürnberg, hat er einen Doppel-Essay veröffentlicht mit dem Titel «Menschenrechte nach der Zeitenwende. Gründe für mehr Selbstbewusstsein».