Die Botschaft des Grabtuches

«Wer ist der Mann auf dem Tuch?» Seit Jahrhunderten wird gerätselt, geglaubt und widersprochen, wissenschaftlich untersucht. Nun ist die Ausstellung über das Turiner Grabtuch in Zürich zu sehen.

Eine lebensgrosse Figur, entsprechend dem Abdruck auf dem Grabtuch, in der Grotte von Maria Lourdes Zürich

Eine lebensgrosse Figur – ein aufgebahrter Toter - liegt in der Kapelle der Kirche Maria Lourdes in Zürich-Seebach, umgeben vom Schein der Kerzen. Jemand hat einen Strauss mit gelben Blumen, noch unausgepackt, davor gestellt. Links und rechts laden zwei Stelen mit dem Titel «staunen» und «glauben» zur Meditation ein. Die Figur entspricht der Abbildung des Mannes auf dem Turiner Grabtuch. Seit dem Mittelalter wird gerätselt, ob dieses Tuch Jesus nach seinem Tod am Kreuz umhüllt hat. 

«Die Studien können nicht abschliessend widerlegen, dass es das Grabtuch von Jesus ist.»

Die vom Malteser-Orden konzipierte Wanderausstellung, die aktuell in Maria Lourdes zu sehen ist, zeigt auf 25 Stelen mit Texten, Bildern, Gegenständen und einem Film den historischen Weg und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Grabtuch, das bereits im Mittelalter verehrt wurde. 1898 wurde es erstmals fotografiert, seit 1978 immer wieder untersucht. «All diese Studien können nicht abschliessend widerlegen, dass es das Grabtuch von Jesus ist», sagt Christoph Borucki, Kirchenpfleger in Maria Lourdes, dazu. «Natürlich ist es für meinen Glauben nicht entscheidend, ob dieses Tuch nun Jesus oder einen anderen Mann, der Geisselung und Kreuzigung durchlitten hat, umhüllte. Aber es berührt mich, so realistisch und visuell wahrzunehmen, was Jesus durchgemacht hat. Das hat mir einen neuen, persönlichen Zugang zur Leidensgeschichte gegeben, mehr als wenn ich es im Karfreitagsgottesdienst nur über die Ohren höre.»

Christoph Borucki vor dem Container, in dem die Ausstellungsgegenstände nach Zürich kamen

Christoph Borucki vor dem Container, in dem die Ausstellungsgegenstände nach Zürich kamen.

Dass die Ausstellung nun in Zürich zu sehen ist, empfindet Christoph Borucki als Fügung: Es gab noch genau ein Zeitfenster im Jahr 2025, in dem die Wander-Ausstellung verfügbar war. Und das passte genau zum Zeitplan der Renovation der Kirchenbänke in der Kirche Maria Lourdes. Im vorderen Teil der Kirche sind schon neue Bänke, hinten sollten die alten Stück um Stück erneuert werden. «Dank der Unterstützung aller Beteiligten konnten wir alle alten Bänke auf einmal heraus nehmen. Während sie renoviert werden, hat die Ausstellung wunderbar Platz in der Kirche. Der sakrale Raum und die farbigen Fenster ergeben eine besondere Stimmung, wo man die Botschaft des Grabtuches besonders gut aufnehmen kann.» 

«Der wissenschaftliche Zugang fasziniert mich.»

 Eine ganze Reihe von Vorträgen führt die Spurensuche der Ausstellung weiter: aus medizinischer, strafrechtlicher, kulturhistorisch-archäologischer und spiritueller Sicht werden das Grabtuch wie das Leiden Christi beleuchtet. «Es gibt für jedes Interesse etwas», so Borucki. Er ist die treibende Kraft hinter dem Projekt. Als Mitglied des Malteser-Ordens wusste er, dass die Ausstellung «Wer ist der Mann auf dem Tuch» seit 2013 auf Tournee ist. Vom Grabtuch selber wusste er bisher kaum etwas, doch das Thema liess ihn nicht mehr los. «Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, umso mehr hat es mich gepackt», sagt er. «Ich unterstütze alles, was mich und andere Jesus näher bringt, und diese Ausstellung kann das bewirken», ist er überzeugt. Als Banker fasziniert ihn der wissenschaftliche Zugang. Die akribischen Studien der Fasern des Tuches, der Pflanzenpollen, chemischer und physikalischer Spuren, verschiedene Datierungsmethoden, Bildanalysen usw. werden in der Ausstellung verständlich mit ihren Ergebnissen vorgestellt. «All das gibt auf spannende und realistische Weise Auskunft über die Leidensgeschichte von Jesus – ob es nun sein Grabtuch ist oder nicht.»

Christoph Borucki erklärt eine der Stelen

25 Stelen erklären mit Bild und Text die zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen am Grabtuch.

«Als Banker bin ich ein analytischer Mensch», sagt Christoph Borucki. «Doch der Gedanke, dass es etwas gibt oder geben könnte, das grösser ist als ich, und die Tatsache, dass ich nicht alles selber machen muss für mein Heil, sondern dass ich schon heil und geheiligt bin und jemand – Gott - mich begleitet auf meinem Weg, das gibt mir eine grosse Freiheit.» Wenn andere das durch diese Ausstellung erfahren, wenn sie erleben, dass diese Kreuzigung vor 2000 Jahren bis heute wirkt und erlöst, dann habe sich der Einsatz rund um das mysteriöse Grabtuch gelohnt.

Die Stelen der Ausstellung in der Kirche Maria Lourdes

Der Kirchenraum ist ein stimmiges Ambiente zur Ausstellung.

Die Ausstellung wurde vom Malteser-Orden konzipiert, inhaltlich mit der Erzdiözese Turin abgestimmt und wandert seit 2013 durch Deutschland sowie das deutschsprachige Ausland. Nun ist sie in der Kirche Maria Lourdes in Zürich-Seebach zu sehen. Die Kirchgemeinde Maria Lourdes, der Verband der röm.-kath. Kirchgemeinden der Stadt Zürich sowie die Kirche im Kanton Zürich tragen die Kosten. Eine zweite Ausstellung in spanischer Sprache ist in Südamerika unterwegs.

Die Ausstellung ist bis 28. September täglich 09:00 - 19:30 Uhr in der Kirche und Grotte von Maria Lourdes zu sehen. Informationen über das reichhaltige Begleitprogramm:

https://pfarrei-maria-lourdes.ch/das-turiner-grabtuch