Gedanken zum Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag

Warum dieser alte Feiertag heute noch aktuell ist

von Pfr. Oliver Stens

Wer heute den Begriff Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag hört, wird vermutlich nicht sofort begeistert sein. Der Name wirkt lang, etwas sperrig und erinnert viele eher an vergangene Zeiten als an die Gegenwart. Danken, Busse tun und Beten – passt das überhaupt noch in eine moderne Gesellschaft, die von Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und technischem Fortschritt geprägt ist? Gerade deshalb lohnt es sich, diesen besonderen Feiertag etwas genauer anzuschauen. Zunächst einmal fällt auf, dass sein Name aus drei Begriffen besteht, die eng zusammengehören: Dank, Busse und Gebet.

Der erste Schritt ist der Dank. Dankbarkeit ist weit mehr als ein höfliches Wort. Sie verändert den Blick auf das Leben. Wer dankbar ist, entdeckt, dass vieles nicht selbstverständlich ist: Menschen, die uns begleiten, Gesundheit, Freundschaft, Frieden, die Schönheit der Schöpfung oder einfach ein neuer Morgen. Dankbarkeit bewahrt uns davor, das Leben nur nach dem zu beurteilen, was uns noch fehlt. Unsere Zeit ist geprägt vom Vergleich. Ständig wird uns gezeigt, was andere besitzen, erleben oder erreichen. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, nie genug zu haben. Dankbarkeit durchbricht diesen Kreislauf. Sie richtet den Blick auf das, was bereits geschenkt ist. Wer danken kann, wird freier. Er muss sein Glück nicht ständig suchen, weil er beginnt, es mitten im Alltag zu entdecken.

Dem Dank folgt die Busse. Kaum ein Begriff wird heute so häufig missverstanden. Viele verbinden Busse mit Schuldgefühlen, Strafe oder moralischem Druck. Doch das trifft den biblischen Sinn nur unzureichend. Das biblische Wort für Busse bedeutet zunächst: umdenken, umkehren, eine neue Richtung einschlagen. Jeder Mensch kennt Situationen, in denen er merkt: So, wie ich lebe, möchte ich eigentlich nicht weiterleben. Vielleicht bin ich ungeduldig geworden, habe einen Menschen verletzt oder mich in Sorgen und Ängsten verloren. Vielleicht habe ich mich von Gott entfernt oder von dem Menschen, den ich eigentlich sein möchte. Busse bedeutet dann nicht, sich selbst kleinzumachen. Sie bedeutet vielmehr den Mut, ehrlich auf das eigene Leben zu schauen. Wer seine Fehler verdrängt, bleibt an ihnen gebunden. Wer sie erkennt, gewinnt die Freiheit, neu anzufangen. Im Psalm 51 betet der Beter: «Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist.» Dieser Satz gehört zu den schönsten Bitten der Bibel. Das Herz ist im biblischen Denken nicht in erster Linie der Sitz der Gefühle. Es ist der Ort, an dem der Mensch entscheidet, erkennt und Verantwortung übernimmt. Ein «reines Herz» bedeutet deshalb einen klaren Blick – einen Blick, der Wahrheit und Lüge voneinander unterscheiden kann und offen bleibt für Gottes Stimme. Vielleicht ist genau das eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit. Informationen sind jederzeit verfügbar, Meinungen unüberschaubar viele. Doch Orientierung entsteht nicht allein dadurch. Sie wächst dort, wo der Mensch lernt, auf Gott zu hören und sein Leben immer wieder an ihm auszurichten.

Darum gehört zum Bettag schliesslich das Gebet. Auch das erscheint manchen Menschen heute fremd. Und doch zeigen zahlreiche Untersuchungen, dass überraschend viele Menschen beten – oft ganz still und ohne darüber zu sprechen. Gerade in Momenten der Unsicherheit, der Krankheit oder der Sorge wenden sich viele an Gott. Selbst Menschen, die sich keiner Kirche verbunden fühlen, kennen diese Erfahrung. Vielleicht zeigt sich darin die eigentliche Wahrheit: Der Mensch bleibt ein Suchender. Beten bedeutet nicht, Gott überreden zu wollen. Es bedeutet auch nicht, fertige Antworten zu erhalten. Er legt sein Leben in Gottes Hände und entdeckt dabei oft eine neue Gelassenheit. Im Gebet wächst Vertrauen. Nicht weil plötzlich alle Probleme verschwinden würden, sondern, weil wir erfahren dürfen: Ich muss mein Leben nicht allein tragen. 

Gerade darin liegt die bleibende Aktualität des Bettages. Der Bettag erinnert uns daran, dass der Mensch nicht nur von Leistung lebt. Er lebt auch von Beziehungen, von Vertrauen, von Hoffnung und von der Erfahrung, getragen zu sein. Er erinnert uns daran, dass ein erfülltes Leben nicht dadurch entsteht, dass wir immer mehr besitzen, sondern dadurch, dass wir wissen, wofür wir leben. So betrachtet ist der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag alles andere als ein überholter Feiertag. Er ist ein Tag der inneren Orientierung. Ein Tag, an dem wir unser Leben bewusst vor Gott bringen dürfen – mit allem, was gelungen ist, und mit allem, was offen geblieben ist. Vielleicht braucht unsere Zeit genau solche Tage. Tage, an denen wir danken lernen. Tage, an denen wir den Mut finden, uns korrigieren zu lassen. Tage, an denen wir neu auf Gott hören. Denn eine Gesellschaft lebt nicht allein von Wohlstand, wirtschaftlichem Erfolg oder technischem Fortschritt. Sie lebt davon, dass Menschen dankbar bleiben, ihre Fehler eingestehen können und sich immer wieder neu an Gott ausrichten. In diesem Sinn ist der Bettag kein Feiertag der Vergangenheit. Er ist ein Feiertag für die Zukunft.

 

Veröffentlicht am