„Gemeinschaft spüren – das war immer das Wichtigste“
Interview mit Adolf „Dölf“ Bruggmann
„Gemeinschaft spüren – das war immer das Wichtigste“
Viele Menschen in Birmensdorf kennen Adolf Bruggmann einfach als „Dölf“. Über Jahrzehnte hinweg hat er die katholische Kirche St. Martin mitgestaltet – nicht laut oder im Vordergrund, sondern mit Treue, Kreativität und einem tiefen Sinn für Gemeinschaft.
Herr Bruggmann, was hat Ihnen damals das Gefühl gegeben, in Birmensdorf angekommen und zuhause zu sein?
Wir haben hier unser Haus gebaut und sind dadurch natürlich richtig angekommen. Die Kirche hatte für meine Frau Else und mich immer einen wichtigen Stellenwert. Damals gab es hier nur eine kleine Kapelle, und man hat gespürt: Die Gemeinde wächst, die katholische Kirche braucht ihren Platz.
Es gab zuerst Gespräche über einen gemeinsamen Raum im Gemeindezentrum. Die Ökumene war zwar da, aber man merkte auch, dass die Chemie nicht ganz stimmte. Schlussendlich entschied man sich dann für einen eigenen Kirchenbau – und das fand ich schön.
Ich durfte bei der Gestaltung der Umgebung mitwirken. Die Pappeln neben der Kapelle fand ich immer besonders. Sie standen so schön parallel zur Kapelle, und ich wollte diesen Bezug erhalten. Auch das Dachwasser und die ganze Umgebung sollten irgendwie mit der Natur verbunden bleiben.
Sie haben also aktiv an der Gestaltung der Kirche mitgewirkt?
Ja, ein Stück weit bin ich schon stolz darauf. Ich durfte viel zurückgeben. Die Umgebungsgestaltung, Dekorationen – das war für mich immer etwas Schönes.
Für die Einweihung der Kirche habe ich zum Beispiel mit einem Kollegen die ganze Dekoration gestaltet. Später kamen dann weitere Projekte dazu: der Lebensbaum, Kerzenständer bei der Marienfigur oder andere gestalterische Arbeiten zusammen mit Werkstätten aus Uitikon.
Was hat Sie bewegt, sich mit so viel Herz einzubringen?
Es war nie Pflicht. Es war Gemeinschaft. Man machte etwas miteinander.
Ich erinnere mich gerne an die Rorate-Feiern am frühen Morgen. Um sechs Uhr mit Kerzen unterwegs sein, zusammen singen – das hatte etwas Besonderes. Menschen kamen aus ihren Häusern heraus, und man spürte: Wir gehören zusammen.
Das Zugehörigkeitsgefühl war immer wichtig für mich.
In welchen Bereichen des Pfarreilebens haben Sie besonders Freude gefunden?
Meine Frau Else war sehr engagiert. Während der Gottesdienste organisierte sie lange Zeit einen Kinderhütedienst, damit junge Familien am Gottesdienst teilnehmen konnten.
Es gab auch die Gruppen für die biblischen Figuren. Das war eine schöne Zeit. Frauen nähten gemeinsam die Figuren von Hand, Männer kochten dazu, und man verbrachte viele Nachmittage zusammen. Diese Gemeinschaft war wertvoll.
Auch Feste oder die Fasnacht in Birmensdorf waren früher stark von diesem Miteinander geprägt. Man kannte sich, half einander und gestaltete gemeinsam etwas Schönes.
Gab es Momente, in denen Sie besonders viel Kraft oder Frieden gespürt haben?
Ja, sicher dieses Zusammengehörigkeitsgefühl.
Früher war das Gelände offener. Man sah die Menschen von allen Seiten zur Kirche kommen. Kinder spielten draussen, Leute begegneten sich. Das hatte etwas Lebendiges.
Heute fehlt mir manchmal dieses offene Miteinander. Vieles ist anonymer geworden.
Sie sprechen oft von Gemeinschaft. Hat sich diese verändert?
Ja, stark.
Früher fragten die Menschen eher: „Was können wir gemeinsam tun?“ Heute ist oft mehr die Haltung da: „Was könnt ihr mir anbieten?“
Viele wollen konsumieren, aber weniger selber mittragen. Das ist schade. Ich glaube auch, dass die Menschen heute oft überfordert sind – durch Bildschirme, Informationen, Handys. Sie nehmen gar nicht mehr wahr, was um sie herum Schönes geschieht.
Wenn ich heute Leute spazieren sehe – mit Handy, Kinderwagen und Hund gleichzeitig – dann denke ich manchmal: Sie sehen gar nicht mehr die Natur, die Blumen oder das Licht.
Natur scheint für Sie eine grosse Rolle zu spielen.
Sehr.
Bäume, Pflanzen, Wasser – das alles gehört für mich zum Leben und auch zum Glauben. Es tut mir weh, wenn schöne alte Bäume einfach verschwinden. Nachhaltigkeit wäre eigentlich etwas, das der Kirche gut anstehen würde.
Ich hätte mir zum Beispiel schon lange Solaranlagen auf dem Kirchendach gewünscht. Sorge tragen zur Schöpfung gehört doch eigentlich dazu.
Was wünschen Sie sich heute für die Zukunft der Pfarrei?
Ich wünsche mir, dass Menschen wieder spüren, dass wir nicht für das Alleinsein geschaffen sind.
Dass Gemeinschaft wieder wichtiger wird. Dass Menschen erfahren dürfen, wie gut es tut, miteinander durch das Leben zu gehen.
Wenn eine Kirche lebt, dann ist das etwas Wunderschönes. Wenn aber nur noch wenige Menschen da sind, tut das schon weh.
Und ganz persönlich: Wofür sind Sie heute besonders dankbar?
Ich bin dankbar für alles, was ich erleben durfte.
Für meine Familie, für meine Töchter, für die Unterstützung in allen Lebensphasen. Und auch dafür, dass ich heute Zeit habe, Dinge bewusst wahrzunehmen.
Gestern war ich extra unterwegs, um Frauenschuhe zu sehen – eine seltene Orchidee. Solche kleinen Dinge machen mich glücklich.
Dankbarkeit ist wichtig. Ich beginne den Tag oft mit einem einfachen „Danke“ – für das warme Bett, für die Sonne, für die Blumen, für das Leben.
Was bedeutet Glaube für Sie heute?
Zu spüren, dass man nicht allein ist.
Und staunen zu können. Über die Natur, das Universum, das Leben. Wenn man darüber nachdenkt, wie gross alles ist und wie klein wir Menschen eigentlich sind – dann wird man demütig.
Aber genau darin liegt auch etwas Schönes.
Interview: Marta Novak, Mai 2026
für das Jubiläumsprojekt „50 Jahre katholische Kirche Birmensdorf»
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