Multireligiöser Auftakt zur offiziellen Bundesfeier auf dem Predigerplatz
Ort: Predigerplatz, 8001 Zürich
zvg
Liebe Freunde und Freundinnen des Erstaugustfestes
Wie jedes Jahr schenken uns Blicke zum Uetliberg oder vom Bürkliplatz hin zu den Alpen Momente der Dankbarkeit am Geburtstagsfest unserer Nation. Die Hügel und Berge nah und fern – zusammen mit Flüssen und Seen – lassen unsere Herzen in Verbundenheit mit diesem Land spürbar schlagen. Dieses Herzklopfen setzt bei mir nicht erst in der Ferne ein: Schon der Blick zu den Platanen und zum Himmel über dem Zähringerplatz berührt mich.
Zum vierten Mal feiern wir mit einem multireligiösen Auftakt zur offiziellen Bundesfeier die religiöse Verschiedenheit. In diesem Rahmen fliesst mein Dank an Gott: für die Rolle, die wir als Land in weltweiten Konflikten immer wieder eine vermittelnde Rolle einnehmen dürfen. Ein Beispiel: Erst kürzlich berichteten die Medien über die Bedeutung der Schweiz im Dialog zwischen dem Iran und den USA.
Einander Sorge zu tragen und für das eigene Dasein dankbar zu sein – das ist politisch, kulturell und religiös relevant. Es ist persönlich. Es ist existenziell.
Gerade deshalb freue ich mich in dieser von Krisen geprägten Welt besonders auf die Grussworte unserer Gäste an der multireligiösen Feier in Verschiedenheit. Sie tragen den Klang der weiten Welt in sich.
Finden Sie Heimat in Ihrer Religion? Oder ist es vielleicht – wie bei uns – so, dass Ihre Religion Heimat in Ihnen findet? Genau dort, wo Sie leben, weben und wirken, unter Bedingungen, die sich stetig verändern und immer wieder neu geklärt werden wollen.
Viele von uns haben ihre Herkunftsorte verlassen. Einige sind an einem neuen Ort heimisch geworden, haben neue Sprachen gelernt, neue Ausdrucksformen gefunden – vielleicht auch für ihren Glauben. Manche haben den Glauben verloren. Auch das ist hier möglich.
Einige leben in Partnerschaft mit Menschen, die ihre frühere Heimat hinter sich gelassen haben. So wird auch das neue Zuhause zu einem Ort im Werden: Es wird nicht fertig gebaut, sondern lädt – mit offenen Wänden und offenen Ohren – dazu ein, gemeinsam unterwegs zu sein.
Offen für neue Lieder.
Empfänglich für ungewohnte Gedanken.
Frei für gemeinsames Handeln.
So feiern wir, aus fünf Konfessionen und fünf Religionen, dankbar dieses Miteinander: dass wir hier gemeinsam – und auch nebeneinander – leben. Dass wir voneinander lernen dürfen.
Ich wünsche uns allen einen fröhlichen und zugleich nachdenklichen 1. August.
Kathrin Rehmat, Pfarrerin an der Predigerkirche